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Ägypten : Gefährdete Sieger

  • -Aktualisiert am

Die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen in Ägypten lag bei 62 Prozent Bild: dpa

Ägypten nach den Wahlen: Jetzt stehen die Islamisten unter Zugzwang. Der Wahlerfolg könnte sich als ihr letzter Triumph erweisen oder aber zu einer Niederlage führen.

          Auf den ersten Blick scheinen die Islamisten die wahren Gewinner der Revolution und der Wahlen in Ägypten zu sein. Doch so wie sie die demokratischen Prozesse unterwandern könnten, könnten sie auch an ihnen zerbrechen. Denn Ägypten ist nicht Iran. Und die Welt von heute ist nicht die des Jahres 1979. Der Wahlsieg der Islamisten könnte ihr letzter Sieg sein. Doch ihr Niedergang könnte das ganze Land bedrohen.

          Als die Revolutionsjugend Ende Januar auf die Straße ging, um gegen Mubarak zu demonstrieren, waren die Salafisten nicht dabei. Auch die offizielle religiöse Institution Al-Azhar warnte vor Massendemonstrationen und nannte diese unislamisch. Sogar die sonst zumindest rhetorisch so revolutionären Muslimbrüder schienen kurz vor der Revolution einen Deal mit dem Regime Mubarak geschlossen zu haben. Am Vorabend der Revolution am 24. Januar sagte die Gruppe ihre Teilnahme an den Großdemonstrationen gegen Mubarak ab. Erst später, als die Revolution fortgeschritten war und die Tage Mubaraks gezählt schienen, zeigten sich die Muslimbrüder in großen Zahlen auf dem Tahrir-Platz. Die Salafisten kamen erst, als Mubarak gestürzt war.

          Manche verkaufen ihre Stimme für ein Stück Fleisch

          Unbegreiflich scheint es deshalb, dass die Kräfte, die am wenigsten für die Revolution taten oder sie sogar bremsen wollten, nun zu den größten Gewinnern des Wandels wurden. Aber dieses Wahlergebnis ist die natürliche Konsequenz der jahrzehntelangen Diktatur, die alle demokratischen Alternativen zum Regime ausschaltete und nur die Islamisten gewähren ließ. Nach außen konnte Mubarak sich dadurch die Unterstützung des Westens sichern. Nach innen dienten die Islamisten der Begründung von Folter und Ausnahmegesetzen.

          Die Revolution kam dennoch und öffnete den Weg zu den ersten wirklich freien Wahlen im Lande seit sechzig Jahren. Die Ägypter entdeckten plötzlich, dass sie eine Stimme haben und dass diese Stimme auch zählt. Viele wussten aber nicht, was sie mit dieser Stimme anfangen sollten. Die Mehrheit lässt sich von der emotionalen Sprache der religiösen Parteien beeindrucken. Andere verkaufen ihre Stimme für ein Stück Fleisch oder einen Geldbetrag von umgerechnet acht Euro. Die gleichen Methoden, die von der Mubarak-Partei während der Wahlen verwendet wurden, gehören nun zur Praxis der Islamisten.

          Gleichsetzung von Gesetz und Moral

          Ägypten ist zutiefst gespalten. Die gebildete Tahrir-Generation, die die Revolution entfesselt hat, ist zwar stark, aber noch nicht organisiert genug und ohne Basis in den ländlichen Gebieten. Die einfachen Menschen sind revolutionsmüde geworden und sehnen sich nach stabilen Verhältnissen, auch wenn diese die Befestigung der Militärdiktatur bedeuten. Und da in Ägypten heute nicht viele Optionen zur Wahl stehen, schwanken die Menschen nun zwischen Scharia und Scharia light, zwischen Salafisten und Muslimbrüdern.

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