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Adventszeit : Unchristlich

Am Gendarmenmarkt in Berlin gibt es sie noch, Komposita mit dem Wort „Weihnacht-“. Anderswo heißt der „Weihnachtsmarkt“ jetzt „Winterfest“. Bild: dpa

In Berlin-Kreuzberg finden seit einigen Jahren nicht nur „Weihnachtsmärkte“ statt, sondern auch „Winterfeste“ und „Wintermärkte“. Und niemand muss sich mehr diskriminiert fühlen.

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          Berlin war schon immer etwas anders. Nun geht von dort eine ganz besondere Erneuerungsbewegung aus: In einem Sitzungsprotokoll des Bezirksamts Berlin-Kreuzberg heißt es, dass „grundsätzlich keine Genehmigungen für Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften mehr erteilt werden“ sollen. Die örtlichen Weihnachtsmärkte waren damit zwar nicht gemeint, trotzdem heißen einige von ihnen  „Winterfest“ oder „Wintermarkt“.

          Das kann man nur gutheißen. Denn der Begriff „Weihnachtsmarkt“ weckt ja eindeutig christliche Vorstellungen. Kaum auszudenken, welche Qualen unsere muslimischen, jüdischen, buddhistischen oder atheistischen Mitbürger bei ihrem jährlichen Spaziergang über den Weihnachtsmarkt erleiden müssen. Gottlob – pardon: Glücklicherweise sind sie nun davon befreit.

          Gängige Praxis

          Im Übrigen hat auch diese Umbenennungspraxis Tradition. Sie reicht zwar nicht so weit zurück wie die Traditionen der Weltreligionen, immerhin aber einige Jahre, und außerdem geht es hier um die gute und also ausgleichende Sache. Deshalb hieß das muslimische Opferfest in Berlin-Kreuzberg schon im vergangenen Jahr wohltuend neutral „Sommerfest“. Deshalb diskutierten wohlmeinende Bürger der Stadt Solingen, die Weihnachtsbeleuchtung in der Innenstadt fortan als „Winterbeleuchtung“ zu bezeichnen, und deshalb schlug Rüdiger Sagel, Politiker der Linkspartei, vor, den Martinstag in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ umzutauf- pardon: umzubenennen. Dagegen war zwar selbst der Zentralrat der Muslime in Deutschland, aber manchmal muss man die Leute eben zu ihrem Glück zwingen. Das haben die Religionen besonders gut vorgemacht.

          Und wo wir schon dabei sind, hätten wir, zur Adventszei-, Entschuldigung: zu dieser winterlichen, geruhsamen Zeit noch Vorschläge einzureichen: Wie wäre es, den Weihnachtsmann künftig anders anzusprechen, sagen wir, als „Mann mit der roten Mütze“? Wobei ja auch die Farbe rot eine christliche und jüdische Tradition hat. Wie wäre es also einfach mit „Mann“? So wird wirklich niemand mehr diskriminiert. (Aber was sagen dann die Frauen?) Denn darum geht es bei diesem besinnlichen – zum Teuf-, äh, Henker mit der Sprache: Darum geht es bei diesem „Fest“ ja auch. Alles andere wäre unchristli-, alles andere wäre nicht feierlich.

          Disclaimer: In einer früheren Version dieses Artikels war von einem Sitzungsprotokoll des Bezirksparlaments die Rede, es stammt allerdings vom Bezirksamt. Die Umbenennung einiger Weihnachtsmärkte in Winterfest“ oder „Wintermarkt“ ist außerdem freiwillig erfolgt. Wir haben das inzwischen korrigiert.

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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