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Adelsrollen : Der Fall des Hauses Guttenberg

Nicht weit vom Stamme: Umschlagtext des Buchs „Fussnoten” von Karl Theodor zu Guttenberg (1921 bis 1972), dem Grossvater des zurückgetretenen Verteidigungsministers Bild: dapd

Auf den ersten Blick ist Karl-Theodor zu Guttenberg ein Mann ganz nach dem Maß des Großvaters: Sein Rücktritt bedeutet, dass Politik doch kein unehrlicher Beruf geworden ist.

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          Der erste Artikel, der in dieser Zeitung über den Freiherrn Karl-Theodor von und zu Guttenberg stand, trug die Überschrift „Mit einem Schlag war er vorn“. Der Verfasser war Walter Henkels, der legendäre Chronist der Bonner Republik; das Stück in der Kolumne „Bonner Köpfe“ erschien in der Ausgabe vom 3. September 1960. Die Wirkung des Großvaters des gestern zurückgetretenen Bundesministers der Verteidigung auf die Bonner Politik, eine kleine Welt der Vorsicht und Rücksicht, beschrieb Henkels als ästhetischen Effekt. Die ersten beiden Sätze des Porträts lauteten: „Ein Schnurrbärtchen modischer Art deutet auf Extravaganz hin. Er zündet seine Zigarette nicht an, er setzt sie in Brand.“ Diese emblematische Geste der Nonchalance einer riskanten Existenz konnte der Enkel nicht kopieren, aber die Grundausstattung blieb dieselbe. „Der Anzug ist vornehm und chic.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Auch ohne Uniform sah man dem 1921 geborenen Guttenberg den Offizier an. Beziehungsweise den Offiziersdarsteller: Als er im Kavallerieregiment diente, waren Pferde dort nur noch zu Paradezwecken in Gebrauch. „Sicher ist er vornehm und gescheit, aber er ist auch darum besorgt, dass niemand einen Zweifel daran hegt.“ In der bürgerlichen Welt ist auch der Adlige genötigt, auf sich aufmerksam zu machen und künstlich die Distanz herzustellen, die das Volk in der alten Welt von selbst wahrte. „Er schafft selbsttätig Abstand.“ Der Edelmann im Politikerberuf braucht Anhänger, aber auch Leute, über die er sich erheben kann. „Gegen die Kleinkarierten in jeder Form hat er eine Abneigung.“

          Die Königsdisziplin der republikanischen Staatskunst

          Guttenberg maior - auf einmal ist wieder offen, welcher der beiden Karl-Theodore als Fußnote zur Karriere des anderen in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen wird - war für Großes bestimmt: Große Auftritte machten das sinnfällig. Das Geheimnis seines Erfolges: in den Augen von Henkels eine Sache der Haltung. „Ganz leicht, wie viele Reiter, beugt er beim Gehen den Oberkörper vornüber.“ Der Sohn KTs des älteren hat seinen Sohn, KT den jüngeren, schon als Kind in der Kunst des Auftretens unterwiesen. Enoch zu Guttenberg ist Dirigent, übt also einen Beruf aus, in dem er zuallererst Stehvermögen demonstrieren muss, um eine vor ihm versammelte und eine hinter ihm aufgereihte Menge in seine Gewalt zu bringen. Es kommt auf die „Vertikalspannung“ (Peter Sloterdijk) an.

          Emblematische Gesten der Nonchalance: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau Rosa Sophie Prinzessin von Arenberg

          Mit der Plötzlichkeit, in die nach dem Untergang Alteuropas konservative Revolutionäre ihre Hoffnung setzten, kam laut Henkels der ältere Guttenberg über die Deutschen. Er putschte freilich nicht, verlas keine Proklamation, sondern hielt Reden. In der Königsdisziplin der republikanischen Staatskunst, der Rhetorik, feierte der Freiherr Triumphe im Bundestag. Mit einer einzigen Rede, in der Generaldebatte über die Deutsche Frage am 5. November 1959, rückte der Achtunddreißigjährige vor in die erste Reihe seiner Fraktion, dank einer Schärfe des Tons, die das Personal des unsouveränen Rumpfstaats bis dahin vermieden hatte. „Guttenberg wagte einen hohen Einsatz und gewann: Von diesem Tage an sprach man von ihm.“

          Der Amateur im Parlament

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