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Académie Française : Unverbesserlich

  • -Aktualisiert am

Die Académie Française leidet seit langem unter einem Mangel an großen Schriftstellern. Mit Jean Clair hat sie jetzt einen kulturkonservativen Melancholiker in ihre Reihen gewählt, der mit der zeitgenössischen Kunstszene auf Kriegsfuß steht und gegen die Kommerzialisierung der Kultur wettert.

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          Die „Académie Française“, aus der man erst im Tod ausscheidet, leidet unter einer Überalterung, die vorwiegend als Vergreisung wahrgenommen wird. Und an einem Defizit an Dichtern, die einst den Ruhm dieser Institution ausmachten. Aber weil Gide und Malraux, Camus, Aragon, Sartre und andere Leuchttürme der französischen Literatur im zwanzigsten Jahrhundert auf die „Ewigkeit“ der Akademie pfiffen, hat diese auch für viele ihrer Nachfahren an Attraktivität verloren. Jean d’Ormesson ist schon lange Mitglied, kürzlich wurde Dominique Fernandez gewählt und vor ihm Assia Djebar. Der Präsenz dieser Schriftsteller steht der Verzicht von Michel Tournier, Philippe Sollers, Patrick Modiano, Le Clézio gegenüber.

          So ging es bei der jetzigen Wahl – mehrere Fauteuils sind gegenwärtig unbesetzt – um ein Duell zwischen Pierre Bergé und Jean Clair. Bergé, ein Freund Mitterrands, war Direktor der Bastille-Oper und ist ein ebenso erfolgreicher Geschäftsmann wie Mäzen. Er steht für die mondäne und moderne „Kaviar-Linke“ und ihre Kultur, gegen die Jean Clair seit Jahren missgelaunt und mit reaktionärer Pose polemisiert. Clair schreibt im „Débat“ und in der „Nouvelle Revue Française“. Er war Leiter des „Musée Picasso“, hat bedeutende Ausstellungen konzipiert und Standardwerke zu Kunst und Künstlern publiziert. Mit dem Kulturbetrieb steht er auf Kriegsfuß. Die zeitgenössische Kunst bezeichnet er als „infantile Idiotie“.

          Neue Feinde – vor allem bei den konservativen Politikern – hat er sich mit seinem Widerstand gegen den „Wüsten-Louvre“ in Abu Dhabi gemacht. Jean Clair bekämpfte das Projekt, das Frankreich eine Milliarde Euro einbringen wird. So wie er generell die Kommerzialisierung der Museen schlicht als Barbarei empfindet. In der „Académie Française“ kann dieser verlorene Mohikaner noch auf ein paar Gesinnungsgenossen wie Claude Lévi-Strauss zählen. Tatsächlich haben die „Unsterblichen“ Pierre Bergé verschmäht und mit sechzehn gegen sieben Stimmen ohne Begeisterung den Melancholiker Clair aufgenommen. Mit siebenundsechzig Jahren drückt er das Durchschnittsalter wohltuend nach unten. Aber auch als Stilist und Schriftsteller wird Jean Clair für neues Leben in der Akademie besorgt sein.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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