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Abtritt ohne Vermächtnis : Der Sturz der Babyboomer

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Gewalt der puren Masse

Auch unsereiner gehörte ja dazu. Man sieht sich noch diese ungezählten Sabine-Christiansen-Sendungen sehen, die in Wahrheit die ideologische Aufrüstung der Babyboomer für die zweite Lebenshälfte werden sollten. Moderiert von einer Boomer-Moderatorin (*1957) und über Strecken, wie man heute klar sieht, eher eine Suggestion als eine Talkshow, sollte das das Meisterstück unserer Generation werden. Der Markt sollte nicht mehr nur Musik produzieren, sondern Ideen: Autonomie, Freiheit, Solidarität, Europa. Man kann in Wulffs Büchern nachlesen und bei Sabine Christiansen nachsehen, wie selbstgewiss dieser Diskurs ablief. Der Markt, nicht der eigene Kopf, entscheidet über die Ideen - so lautete das Credo. Es war ein kurzes Zeitfenster, in dem das funktionierte, genau zehn Jahre. Und er umreißt die Lebensdauer der politischen Babyboomer ziemlich exakt.

Natürlich sind dies keine monokausalen Erklärungen. Der Einwand, dass es Ausnahmen und andere Einflüsse gibt, ist geschenkt. Aber es wäre falsch, würde man glauben, der Rückzug der Boomer aus der politischen Öffentlichkeit beende jetzt mit dieser höchst sonderbaren Generation auch deren gesellschaftliche Macht. Das Fatale ist, dass das, was diese Generation in der ersten Lebenshälfte begünstigte, nun zu einem Fluch werden kann, die Gewalt ihrer puren Masse.

Ende einer Erschöpfung?

Die Babyboomer müssen nach Lage der Dinge nämlich damit rechnen, dass sie, da sie so viele sind, eine ökonomische und soziale Last dieser Gesellschaft werden - je älter sie werden, desto mehr. Es ist bestechend zu sehen, wie sich von Ole von Beust bis Adolf Sauerland (*1955) die Anwälte von Autonomie und Risiko in dem Augenblick verabschieden, da die Altersversorgung sicher ist. Damit kein Missverständnis entsteht: Sie sei ihnen allen zu gönnen. Es geht aber um den Roman einer politischen Generation, deren vielleicht relevantester politischer Kampf am Ende der Kampf um die eigene Rente gewesen sein wird.

Es ist ungerecht? Vielleicht. Es war immer so? Nein. Man gehört ja auch zu der Generation? Ja, gewiss. Aber gerade deshalb muss man sagen, dass viele von denen, die aus dieser Generation in die Politik gingen, nach ungezählten Versprechen nur Leere hinterlassen haben. Wulffs Rücktritt ist das Ende eines politischen Experiments der ersten Generation, die im wiederaufgebauten Wohlstand der Bundesrepublik zu Bewusstsein kam. Wer das nicht anerkennt, sieht auch nicht die Chance, die in ihm steckt: Er könnte das Ende einer totenähnlichen Erschöpfung sein.

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