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Abtritt ohne Vermächtnis : Der Sturz der Babyboomer

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Aufgrund ihrer puren Masse haben die Babyboomer durch ihr bloßes Wollen, Wünschen und Empfinden die Märkte verändert. Ihre Skepsis gegenüber Ideologien war wohltuend, aber nur, solange man nicht bemerkte, dass dahinter die Abwesenheit von Ideen überhaupt stand. Ihr Fehler war zu glauben, dass Märkte auch schon Ideen sind. Ideen setzen sich nicht durch wie Starbucks-Kaffee oder Popkultur. Anders gesagt: Es war die Kauf-, nicht die Überzeugungskraft der Babyboomer, die das Antlitz der Gesellschaft veränderte. Sie musste für ihr Lebensgefühl, ihre Musik, ihre Mode, ihre Sprache nicht kämpfen - im Gegenteil: Es waren Antriebsaggregate für Märkte, die ganz schnell die ganze Gesellschaft erfassten. Die Autorität der Eltern und Lehrer der frühen Siebziger, die vielleicht Fetzenjeans verbieten wollen, weicht nichts so sehr auf, wie die Läden der globalen Modekette um die Ecke.

Diese Generation ist damit, im Westen, die erste Generation, die im klassischen Sinne nichts „durchsetzen“ musste. Der Markt regelte das für sie. Gleichzeitig geschah aber noch etwas: Die Boomer sind die erste Generation in Deutschland, die zahlenmäßig der jüngeren Generation überlegen ist - sie hatte deshalb über einen viel längeren Zeitraum als in der Vergangenheit auch nicht den Aufstand der Jungen gegen ihr Lebensmodell zu befürchten (bei den ’68ern dauerte das bekanntlich nur zehn Jahre). Dadurch fehlte der Zwang zur Regeneration. Beides zusammen erklärt die unglaubliche Erschöpfungsgeschwindigkeit dieser politischen Generation, in dem Augenblick, da sich die Dinge radikal ändern.

Rentensicherung als Lebensprojekt

Als diese Generation um die dreißig war, schuf die Vorgängergeneration das vereinte Europa. Jetzt, da diese Generation um die fünfzig ist, ist Europa bedroht wie noch nie. Als diese Generation um die dreißig war, endete der real existierende Kommunismus, und eine Ära einer sozialen Wirtschaftsordnung, die allen zugutekommt, weil sie keine Feinde mehr hat, schien denkbar. Als diese Generation um die vierzig war, erklärten sie den Sozialstaat zur Bedrohung. Jetzt, da sie fünfzig ist, ist der Kapitalismus selbst nach den Worten des Gründers des Davoser Weltwirtschaftsforums in seiner größten Legitimationskrise. Irgendetwas muss doch in diesen 20 bis 25 Jahren passiert sein, und irgendjemand muss die Verantwortung haben - es ist genau die Zeit, in der die Babyboomer an allen Stellen der Gesellschaft die Macht übernahmen.

Man kann sich nicht mehr herausreden. In der Wirtschaft oder Verwaltung gibt es staunenswerte Babyboomer, in der Justiz und Wissenschaft brillante Köpfe - doch das politische Projekt dieser Generation liegt wie in Trümmern. Gewiss: Es gibt tausend Gründe für diese Prozesse, aber wenn Biographien irgendeinen Sinn haben sollen und die „Lehre aus der Geschichte“ mehr sein soll als pure Rhetorik, dann muss man fragen, warum der Atem dieser Generation schon nach wenigen Jahren versiegte. Die einzige relevante politische Idee, die sie hervorgebracht hat, ist der Neoliberalismus; denn selbst die ökologische Bewegung, die sie mit ihrer Kaufkraft stützte, war das Werk der Vorgängergeneration. Es ist im Prozess des ideologischen Alterns kein Zufall, dass der Neoliberalismus als Utopie Ende der neunziger Jahre genau in dem Augenblick reüssierte, da diese Generation das vierzigste Lebensjahr zu überschreiten begann. Denn jetzt ging es nicht mehr um Veränderung der Welt durch Konsum, sondern durch Akkumulation von Kapital für die zweite Lebenshälfte.

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