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Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Abtreibung in Amerika : Keine Lust mehr

  • -Aktualisiert am

Schauspielerin Alyssa Milano kämpft nach eigenen Angaben auch Monate nach ihrer Corona-Erkrankung mit Symptomen wie Haarausfall. Bild: AFP

Auf Twitter tobt der Meinungskampf: Ist ein Sexstreik gegen strikte neue Abtreibungsgesetze antifeministisch?

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          Der Herzschlag eines Embryos kann ab der sechsten Woche der Schwangerschaft festgestellt werden, manchmal auch erst in der zwölften. Das ist die Grundlage für die Heartbeat Bill, den strikten Gesetzentwurf, über den die Parlamente der amerikanischen Bundesstaaten derzeit verhandeln. Einige haben ihn bereits ratifiziert: Sobald bei der Sonographie ein Herzschlag zu hören ist, dürfen Frauen in Mississippi, Ohio und Georgia die Schwangerschaft künftig nicht mehr abbrechen. Auch der Gouverneur von Kentucky hat das Gesetz unterzeichnet, doch dort wurde es vorerst richterlich gestoppt.

          Sechs Wochen Schwangerschaft – das ist noch kürzer, als es klingt. Denn nicht ab dem Zeitpunkt der Befruchtung wird gezählt, sondern ab dem ersten Tag der letzten Periode. Beim klassischen Vier-Wochen-Zyklus bedeutet das: Sobald ihre Periode sich um ein paar Tage verspätet, müsste eine Frau sofort vom Frauenarzt kontrollieren lassen, ob sie schwanger ist, um sich zumindest die Möglichkeit eines Abbruchs vorzubehalten. Nun sind verspätete Perioden aber nichts Ungewöhnliches, deshalb werden viele Frauen die Schwangerschaft schlicht zu spät bemerken. Und mehr Bedenkzeit als ein paar Tage sollten Frauen vor einem Abbruch auch bekommen.

          Ein aktueller Fall zeigt eine weitere Dimension des Problems: Ein elfjähriges Mädchen wurde in Ohio gekidnappt, vergewaltigt und im Schrank seines Entführers eingesperrt, wo die Polizei es schließlich fand. Das Mädchen ist schwanger von seinem Peiniger. Gemäß des neuen Gesetzes muss es das Kind austragen, auch wenn es in seinem Alter nicht einmal körperlich für eine Schwangerschaft bereit ist, geschweige denn mental, gerade in einer solch albtraumhaften Situation. All diese Dinge berücksichtigt die Heartbeat Bill nicht, weswegen die politisch engagierte Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter zum Sexstreik aufrief: „Bis Frauen wieder über ihre eigenen Körper bestimmen dürfen, können wir Schwangerschaften nicht riskieren“, schrieb sie. „Schließt euch mir an: Wir haben keinen Sex, bis wir unsere körperliche Autonomie zurückerhalten.“ Ein Erfolgsrezept: In Kolumbien erzwangen die Frauen mit Sexstreiks seit 1997 einen Waffenstillstand, eine Urwald-Straße und die Abgabe von Waffen.

          Ultrakonservative Christen bejubelten die Idee, aber der Gegenwind ist enorm – viele kritisieren, der Streik insinuiere, dass Sex etwas sei, das Frauen Männern im Austausch gegen Wohlverhalten gäben. Nun sollte Wohlverhalten auf individueller Ebene durchaus keine hinreichende, aber eine notwendige Bedingung für Sex sein, ganz unabhängig vom Geschlecht. Andererseits stützt ein Sexstreik tatsächlich das antifeministische Klischee, demzufolge Frauen keine eigene Sexualität haben – in Wahrheit wird sie seit Jahrtausenden totgeschwiegen oder bekämpft, bis hin zur Genitalverstümmelung von kleinen Mädchen. Dieses Frauenbild verdient keinerlei Unterstützung. Aber ist es wirklich besser, den Protest deshalb abzulehnen? Ein Streik darf auch den Streikenden etwas abverlangen. Es ist jedenfalls keine große feministische Geste, abends Geschlechtsverkehr mit jenen Männern zu haben, die tagsüber die Rechte von Frauen einschränken.

          Julia Bähr

          Audience Managerin bei FAZ.NET.

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