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„Vogel des Jahres“ : Werbetrommel für die Rohrdommel

  • -Aktualisiert am

Erniedrigt, herumgeschubst, angepöbelt: Das ist das Schicksal der Stadttaube. Bild: Picture-Alliance

Es ist Wahlkampf, und die Fronten verhärten sich zum Showdown zweier erbitterter Konkurrenten: Wird wirklich der Goldregenpfeifer „Vogel des Jahres“, und hätte die Stadttaube eine Imagekampagne nicht viel nötiger?

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          Seit fünfzig Jahren wird vom Naturschutzbund der Vogel des Jahres gekürt, und so illustre Exemplare wie Wiedehopf (Upupa epops, 1976) und Uhu (Bubo bubo, 2005) waren bereits darunter. Man verbucht Anfang des Jahres dieses Wissen als unnütz, merkt es sich dann aber doch irgendwie und nimmt es hin, wie auch das Höhlentier des Jahres – 2020 war das Jahr der Mauerassel –, den Gewässertyp des Jahres – der steinige, kalkreiche Mittelgebirgsbach – und natürlich die Mikrobe des Jahres, Myxococcus xanthus, ein obligat aerobes Deltaproteobakterium, das etwa doppelt so groß wie ein Darmbakterium ist. (Nur damit Sie eine grobe Vorstellung haben, denn das Darmbakterium ist anscheinend das Saarland der Mikrobiologen und immer für eine Vergleichsgröße gut.)

          In diesem Jahr aber ist alles anders, denn den fünfzigsten Vogel des Jahres soll nun das gemeine Wahlvolk aussuchen, also wir alle. 307 Vögel stehen unter www.vogeldesjahres.de zur Wahl, alphabetisch geordnet von der Alpenbraunelle bis zum Zwergtaucher. Das Schöne ist nun, dass man nicht einfach nur klicken und abschicken kann, sondern auch Wahlkampfteams gründen und mit dem Wahlplakatgenerator lautstark Werbung für seinen Lieblingsvogel machen kann. Stand Montag, halb zwei, haben das bereits 1085 Vogelfreunde getan, die „Ziegenmelker-Fangruppe Underdogs“ etwa, die Brachenfraktion von „Wir BRACHEN deine Stimme“ oder die „Werbetrommel für die Rohrdommel“.

          Emotionale Erpressung mit Kükenfotos

          Auch auf Twitter wird heftig Wahlkampf betrieben. Besonders rabiat gehen dabei die Goldregenpfeifer-Ultras um den Autor und Buchpreisgewinner Saša Stanišić zu Werke. Populistischste Maßnahmen wie das wiederholte Posten von niedlichen Goldregenpfeiferkükenfotos sollen an die niederen Instinkte des Wahlvolkes appellieren. Auch vor emotional erpresserischen Slogans wie „Wer diese Füßlein sieht und nicht für den Goldregenpfeifer abstimmt hat kein Herz“ schrecken diese Ultras nicht zurück und konnten den ohnehin schon nah am Wasser gebauten Vogel dank gehörigen Drucks auf die Tränendrüsen auf den bundesweit vierzehnten Platz (Stand 14.30 Uhr) mobben.

          Die ernsthaften Vogelfreunde in dieser Redaktion können sich von solchen unseriösen Methoden nur distanzieren. Man ist sich hier einig, dass die Stadttaube, dieser liebenswerte Vogel mit dem großen Imageproblem, endlich den Titel erringen soll. Jedem mickrigen Vögelchen stellt man Nistkästen hin, nur der Taube soll das – im Übrigen erstaunlich lange – Taubenleben so schwer wie möglich gemacht werden. Außerdem kann sie nichts für ihren Stuhlgang. Und wir schämen uns nicht, unsere Reichweite hier für eine Wahlempfehlung zu nutzen: Wählen Sie unseren nächsten Nachbarn, die Stadttaube!

          Die Debatte um den Vogel des Jahres wird also mit argumentativ und methodisch durchaus harten Bandagen ausgefochten. Und sie schenkt uns etwas, das in dieser politisch so partikularisierten und auseinanderdriftenden Epoche selten geworden ist: einen Streit, der mit Leidenschaft gekämpft wird, ohne gleich die Gesellschaft zu spalten. (Es sei denn, jemand gehört zum Team Goldregenpfeifer, da müssten wir uns dann doch distanzieren.)

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