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Absicht und Prognose : Trump wird (nicht)

Amerikanische Autos sind in Deutschland ebenso schwer vermittelbar wie Donald Trump. Bild: AP

Es gibt einen Unterschied zwischen Absicht und Prognose. Wenn Trump also vollmundig alles mögliche ankündigt, kann das auch nur verbales Fuchteln sein.

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          Ich werde es tun, es sei denn, ich tue es nicht. Dass dieser Satz höchst sinnvoll ist, hat vor mehr als einem halben Jahrhundert die Philosophin Elisabeth Anscombe in ihrer bahnbrechenden Studie „Intention“ gezeigt. Anscombe entwickelt darin die wirkmächtige Unterscheidung zwischen Absichten und Prognosen. Einer Absicht („Ich werde es tun“) kann gleichwohl die Erwartung beigesellt sein, dass es zur Ausführung der beabsichtigten Tat nicht kommen wird („es sei denn, ich tue es nicht“). Die Überlegung zielt nicht nur auf Willensschwäche, sondern auch auf äußere Umstände, die eine Umsetzung des Beabsichtigten am Ende nicht ratsam erscheinen lassen.

          Jedenfalls, und das ist hier die Pointe, sind Absichten nur ein Faktor unter vielen – ein einflussreicher gewiss, aber nicht unbedingt der entscheidende – für die Prognose zukünftigen Handelns. Damit ist ein Rationalitätsstandard politischer Analyse benannt, der auch im Falle Donald Trumps greifen müsste. In diesem Sinne warnte Wolfgang Schäuble gestern davor, im Blick auf die Zukunft der transatlantischen Beziehungen „das Hier und Jetzt zu überschätzen“.

          Ein verbales Fuchteln

          So hatte Trump es unlängst als „sehr unfair“ kritisiert, dass in den Vereinigten Staaten mehr Autos von Mercedes gekauft werden als in Deutschland Chevrolets. Schäuble kontert mit der Unterscheidung von Absicht und Prognose. „Wenn Trump den Amerikanern wirklich vorschreiben will, welche Automarken sie kaufen sollen, wünsche ich ihm viel Glück“, erklärt er im Interview mit dem „Spiegel“. „Das ist nicht meine Vorstellung von Amerika.“ Um dann den Zusatz zu machen: „Ich glaube auch nicht, dass es seine ist.“

          Damit übersetzt der Bundesfinanzminister Trumps Kritik am Automarkt in das, was sie ist: eine schüttere Gebärde, die sich im Vollzug selbst dementiert. Am Ende werden sich die Amerikaner ihren Mercedes nicht ausreden und die Deutschen den Chevrolet nicht einreden lassen. Weil auch Trump das weiß, weil auch er die Umstände kennt, in welche seine Absichten fallen, sind seine Einwürfe, je rotziger und motziger und gereizter sie formuliert sind, jedenfalls nicht ohne die Anscombesche Unschärferelation zu lesen: Ich werde es tun, es sei denn, ich tue es nicht.

          Diesen Grad an Komplexität muss man dem unterkomplexen Kommunikationsverhalten Trumps schon zubilligen, ein verbales Fuchteln, das er sich auch nach seiner Inauguration nicht nehmen lassen wird. Anders gesagt: Ein close reading von Tweets und Interviewschnipseln ist bei einer politischen Göre wie Trump gerade nicht prognosetauglich. Je einfältiger seine Botschaften, desto mehr Voraussetzungen muss eine Deutung beachten, die sagen möchte, was Sache ist und was erwartbar Sache sein wird. Allein schon die Widersprüche, die sich zwischen Trumps Absichten und wichtigen Mitgliedern seines Kabinetts auftun, lassen eine verschnipselte Hochrechnung der neuen Präsidentschaft alt aussehen.

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