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Abschied von den „Mademoiselles“ : Machosprache

  • -Aktualisiert am

Die Franzosen sind stolz auf ihre anmutige Sprache. Aber bei dem Thema Mann, Frau, Fräulein versteht der Geschlechterkampf keinen Spaß. Jetzt geht es den „Demoiselles“ an den Kragen.

          Den kleinen Unterschied macht der Zivilstand aus: Mademoiselle ist ledig, Madame verheiratet, geschieden oder Witwe. Die Definition des Fräuleins als Jungfer ist trügerisch und diskriminierend. Und historisch unhaltbar: Im Ancien Régime war es der offizielle Titel für die älteste Tochter der Brüder und Onkel des Königs. Auch Frauen der Noblesse wurden als Demoiselles bezeichnet, egal, ob verheiratet oder nicht. Mehr als zwei Jahrhunderte nach der Revolution unterscheiden die französischen Formulare die Gattung noch immer nicht nach den Kriterien weiblich/männlich. Sie führen drei Rubriken: Mann, Frau, Fräulein.

          Schon vor vierzig Jahren erklärte ein konservativer Justizminister diese Kategorisierung für gesetzeswidrig. Als „amtlichen Sexismus“ wollte sie Mitterrands feministische Frauenministerin Yvette Roudy abschaffen. Die Gewohnheit war stets stärker als die verordnete Emanzipation. Dank Yvette Roudys Kommissionen - noch mit Simone de Beauvoir und Benoîte Groult - setzen sich in der Macho-Sprache Französisch und gegen den anhaltenden Widerstand der Akademie langsam ein paar weibliche Berufsbezeichnungen durch. Kürzlich hat das statistische Amt die Bezeichnung des „Familienchefs“, der keine Chefin sein konnte, ersetzt. Den größten Erfolg der letzten Jahre feierten die Feministinnen nach der Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn, als sie den herrschenden Diskurs der kollektiven Solidarität zu drehen vermochten.

          Seit DSK ist alles anders

          Jetzt ist diese Optik nicht mehr so eindeutig. Und die Frauenbewegung besinnt sich auf den theoretischen Kampf: Sie fordert wieder einmal die Abschaffung der Mademoiselle auf den amtlichen Formularen und findet eigentlich nur Zustimmung. In den Büros habe sich das Verhalten gegenüber Frauen dank DSK unwiederbringlich verändert, stellt „Le Monde“ fest. In der Präsidentenwahl spielen sie eine Rolle wie nie zuvor: Eva Joly, Marine Le Pen, Ségolène Royal und Martine Aubry. Sie werden vielfach nur beim Vornamen genannt. Weniger paternalistisch sind die neuen Schulbücher der Abschlussklassen. Ihre Darstellung der „sexuellen Identität“ hat einen Kulturkampf ausgelöst.

          Die Kirche ist empört, hundert Parlamentarier fordern den Rückzug des Lehrmittels. Ob die modischen „Gender Studies“ wirklich, wie von den Verfassern behauptet, einen Beitrag zum Reifungsprozess der jungen Männer und Frauen leisten, sei dahingestellt. Aber vielleicht schärfen sie zumindest das Bewusstsein für den bürokratischen Sexismus der amtlichen Formulare: Fräulein ist kein Geschlecht.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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