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Abschied vom Journalismus : Man muss gehen, bevor es kracht

  • -Aktualisiert am

Wandelbar: Der Feuilletonist Florian Illies bricht zu neuen Ufern auf Bild: dpa

Er hat für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und für „Die Zeit“ gearbeitet, hat mit „Generation Golf“ einen Bestseller geschrieben und die Kunstzeitschrift „Monopol“ gegründet: Jetzt startet Florian Illies neu durch.

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          Es gibt in „Generation Golf zwei“ eine Figur, die Florian Illies „Nils“ getauft hat. Im Hinblick auf die restriktive Rechtslage nach den Urteilen zu Maxim Billers „Esra“ hatte er die Namen aller im Buch vorkommenden Personen verändert, nur eben meinen nicht, was, wie er mir erklärte, ein ganz besonderer Kniff sei: Niemand rechne damit, dass Nils wirklich Nils heiße. Dieser Nils, „der immer sagt, er sei Franzose, obwohl er aus Saarbrücken kommt“, ist so etwas wie der linke Antagonist im Buch. Er schüttelt heftig den Kopf, wenn Illies die CDU-Wahlergebnisse seines Heimatwahlkreises Fulda Stadt vorträgt: „Er war der erste Gleichaltrige, den ich traf, den eine innenpolitische Nachricht noch bestürzen konnte.“

          Treu bedachte mich Florian, den ich 2001 in dieser Redaktion kennengelernt hatte, über die Jahre mit Kurznachrichten: Wenn die SPD im Saarland verlor, wenn sie in NRW verlor oder wenn sie in Hessen verlor. Wegen des außerordentlichen Talents der Partei riss unser Kontakt also auch dann nicht ab, als er diese Zeitung verlassen und das Kunstmagazin „Monopol“ gegründet hatte. In den Mitteilungen, die mich zuverlässig nach Bekanntgabe des amtlichen Endergebnisses erreichten, stand, im Wesentlichen: Ätsch!

          Kulturelle Hegemonie von rechts?

          Umgekehrt gratulierte ich ihm zum geistig so inspirierenden Start der schwarzgelben Koalition, kondolierte nach Roland Kochs Rücktritt und ärgerte ihn, wo es ging. Und er widersprach nicht, denn für ihn gilt, wie für mich, was Nick Hornby über treue Fußballfans schrieb: Zu einem gewinnenden Verein kann jeder Trottel stehen. Wahre Fans beziehen ihren Stolz daraus, genauer und vor allen anderen zu wissen, dass sie einer Gurkentruppe die Daumen drücken. Insofern verband uns das gemeinsame Leiden an den Lagern, in denen wir groß geworden waren: Florian schreibt, dass seine Eltern beinahe geweint hätten, als Rainer Barzel das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt nicht durchbrachte. Meine Eltern hätten solche Menschen für eine Erfindung der Springerpresse gehalten.

          Es gab eine Zeit, als Berlin Hauptstadt geworden war, er dort die „Berliner Seiten“ dieser Zeitung leitete und als Autor der „Generation Golf“ berühmt war, da hätte er sich, im losen Zusammenhang mit den anderen immens talentierten Schriftstellern seiner Generation wie Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre anschicken können, eine neue kulturelle Hegemonie von rechts zu entwickeln. Die andere Seite des politisch-kulturellen Spektrums hätte ihnen nichts entgegenzusetzen gehabt, weder damals noch heute. Aber wer damit gerechnet hätte, verkennt den Kern seines Denkens und seiner Persönlichkeit, die beide zu einem eigenen Habitus verschmelzen, den zu studieren Pierre Bourdieu seine Freude gehabt hätte.

          „Und unser Herr Illies holt uns mal ein Mozzarellabaguette“

          Florian ist zurückhaltend und zuvorkommend bis zur Transparenz. Die Macker- und Basta-Attitüde selbsternannter Alphamänner, ob sie nun Porsche oder Fahrrad fahren, ist ihm so fremd wie eine männerbündische Kameraderie. Seine Reflexion über sich selbst, die eigene Wirkung nach außen, die Ablehnung autoritären Auftretens zeitigt in der Zusammenarbeit bizarre Effekte: Als ich nach wenigen Tagen im gemeinsamen Ressort einen Praktikanten bat, ein bestimmtes Buch kaufen zu gehen, weil die Zeit wirklich drängte, eilte Florian hinzu und versicherte dem jungen Mann, dafür würde er bald einen großen Artikel schreiben dürfen, mitnichten sei er nur als Buchabholer hier. Diese Sorge entsprang eigener Erfahrung: Unvergleichlich konnte er einen älteren Kollegen nachmachen, der über seinen Kopf hinweg gerufen hatte: „Und unser Herr Illies holt uns mal ein Mozzarellabaguette.“

          Überhaupt spielt das bei ihm eine wichtige Rolle. Kaum jemand spricht so oft in fremden Zungen, macht Gesichtsausdrücke und Sprüche von zumutenden Zeitgenossen nach. Sie erscheinen dann aggressiv selbstsicher, volkstümlich und krass, ganz Sartresches Für-sich-Sein: Bankberaterinnen, die seine Kontobewegungen kommentieren, Sekretärinnen, die sein äußeres Erscheinungsbild auf den Punkt bringen, und sonstige meinungsstarke Kollegen. Es ist aber kein Lästern, die Pointe geht stets auf seine Kosten.

          Inbegriff der individuellen Mobilität

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