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Kriterienraster für Klausuren : Der Aufschrei einer geprüften Lehrer-Seele

Ein Bild der Bildung: Abi-Klausur an einem Gymnasium in Düsseldorf Bild: Picture-Alliance

Ein Kriterienraster zur Begutachtung von Abi-Klausuren erregt Widerspruch. Die Beschreibung des Elends einer lusttötenden Bildungsszene ist eine Pflichtlektüre für Lehrer, Schüler und Eltern.

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          Wer ist Dorothea Trepte? Frau Trepte ist ausweislich der einschlägigen Internetdaten Referatsleiterin im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Lisum). Und ist von Haus aus eine Diplomingenieurpädagogin der Fachrichtung Mathematik/Informatik (sofern die verfügbaren Daten richtig zugeordnet wurden). Bei Frau Trepte gibt es gleichsam Bildung aus einer Hand: Sie ist an der Aufgabenentwicklung der zentralen Abiturprüfungen beteiligt und stellt zugleich die sogenannten Kriterienraster zusammen, die das Haus Lisum den Lehrern zur Begutachtung der Abi-Klausuren an die Hand gibt (www.klausurgutachten.de).

          Es handelt sich bei diesen Rastern um den „Service“ (nichts muss, alles kann) einer digitalen Noten-Aufschlüsselung. Das bedeutet, summa summarum: transparente Textbausteine statt der windigen Beurteilungen aus dem individuellen pädagogischen Denkerstübchen. Einer Lehrkraft, die sich beispielsweise fragt, wie sie im Fach Deutsch das „materialgestützte Verfassen informierender Texte“ bewerten soll, werden folgende Textbausteine angeboten, die sie statt des umständlichen Papperlapapps in roter Tinte an die Klausuren hängen kann: „durchweg überzeugende Gedankengänge“ (Note 1), „weitgehend überzeugende Gedankengänge“ (Note 2), „im Allgemeinen nachvollziehbare Gedankengänge“ (Note 3), „im Ganzen noch nachvollziehbare, zum Teil aber pauschalisierende, undifferenzierte Gedankengänge“ (Note 4), „widersprüchlich ausgeführte und/oder schwer nachvollziehbare Gedankengänge“ (Note 5), „keine nachvollziehbaren Gedankengänge“ (Note 6).

          Das ganze Elend einer lusttötenden Bildungsszene

          Freilich sind das bloß die Raster in puncto „Entwicklung von Gedankengängen“, welche an der Gesamtnote nur 15 Prozent ausmachen. Gedanken sind schließlich nicht alles, „Nutzung der Materialien“ etwa schlägt da schon mit 45 Prozent zu Buche, ohne dass eine intrinsische Verbindung zur Gedankenentwicklung vorausgesetzt würde. Für Nachfragen seitens zarter hermeneutischer Naturen aus Lehrer- wie Schülerschaft steht Dorothea Trepte zur Verfügung.

          Sie sollte unbedingt auch das krawallige Gutachten zur Kenntnis nehmen, das Nils Schulz, Lehrer am Robert-Havemann-Gymnasium Berlin, über die Klausurgutachten des Hauses Lisum verfasst hat. Es ist der Aufschrei einer geprüften Lehrer-Seele, als Psychoreport in der Jahresschrift „Scheidewege“ (2017/2018) nachlesbar (Gratistestversion). Unter der Überschrift „Digitale Bewertungsraster als Form der Entmündigung. Gedanken zur Dequalifizierung des Lehrers“ wird das ganze Elend einer posthermeneutischen, uniformierten, lusttötenden Bildungsszene beschrieben, eine Pflichtlektüre für Lehrer, Schüler, Eltern und sonstige mitleidende Angehörige. Und wer immer ein Podium zu besetzen hat, bei dem es lustvoll ums Ganze gehen darf, sollte bei diesen beiden, Frau Trepte und Herrn Schulz, anfragen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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