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Abhöraffäre „News of the World“ : Er hätte lieber auf der Rennbahn ein Guinness getrunken

  • -Aktualisiert am

Rupert Murdoch und Rebekah Brooks im Juli 2011 Bild: dapd

Rupert Murdochs britische Statthalterin Rebekah Brooks und ihr Mann Charlie wurden festgenommen. Sie wurden im Rahmen der Ermittlungen zum Abhörskandal der „News of the World“ verhört.

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          Der glücklichste Moment des Jahres sei dann, wenn er zu Beginn des viertägigen Cheltenham Festivals, eines der wichtigsten Ereignisse im Pferderennkalender, für das erste Guinness-Pint anstehe, schrieb Charlie Brooks zu Beginn der Woche in seiner munteren Kolumne im „Daily Telegraph“. Dieses Vergnügen war dem Pferderenntrainer nicht vergönnt. Statt bei Dunkelbier den Hindernissport zu verfolgen, musste er der Polizei stundenlang Rede und Antwort stehen. Seine Frau Rebekah, einstige Geschäftsführerin von Rupert Murdochs skandalumwitterter Zeitungsgruppe News International, wurde in einem anderen Polizeirevier vernommen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das Ehepaar und vier andere - der Leiter der Sicherheitsabteilung von News International, der frühere Fahrer von Rebekah Brooks, der nach Auskunft der „Times“ nach dem Ausscheiden seiner Chefin bei News International im vergangenen Juli möglicherweise weiter für sie gearbeitet hat, sowie zwei vom Konzern einst unter Vertrag genommene Sicherheitsbeamte - waren im Morgengrauen im Rahmen der Ermittlungen der „Operation Weeting“ zum Abhörskandal bei der inzwischen eingestellten „News of the World“ unter dem Verdacht der Justizbehinderung festgenommen und verhört worden. Die Straftat kann mit lebenslanger Freiheitsstrafe geahndet werden.

          Die sechs Festgenommenen kamen am Abend gegen Kaution wieder auf freien Fuß. Charlie Brooks, der am Dienstag auf dem Heimweg von Cheltenham noch bei fünf Kneipen in der Nachbarschaft seines Landsitzes im Wahlkreis des Premierministers vorbeischauen wollte, zeigte sich am Mittwoch mit breitem Lächeln auf der Rennbahn, als sei nichts gewesen.

          Zermürbungskrieg an anderer Front

          Das Cheltenham Festival sei stets ein viertägiger Zermürbungskrieg mit dem Körper (wegen des hohen Alkoholkonsums), mit dem Bankdirektor (wegen der hohen Wetteinsätze) und jemand Bestimmtem, der zu Hause warte, hatte Brooks gefrotzelt. Obwohl seine Frau, die mit ihren üppigen roten Ringellocken nicht zu übersehen ist, auf dem Anwesen wartete, wo das Paar zu seiner Hochzeitsfeier im Juni 2009 die Elite aus Politik und Medien empfing, vom damaligen Premierminister Gordon Brown über dessen Vorgänger Tony Blair bis zu David Cameron, dürfte Brooks in den kommenden Wochen eher ein Zermürbungskrieg an anderer Front bevorstehen.

          Seine Festnahme könnte im Zusammenhang mit dem Rätsel um seinen Computer, sein iPad und verschiedene Dokumente stehen, die im vergangenen Juli in einer Parkgarage gefunden und der Polizei übergeben wurden, einen Tag nachdem seine Frau wegen der Abhöraffäre bei News International festgenommen worden war. Brooks hatte bei dem Versuch, die persönlichen Sachen wieder in Besitz zu nehmen, beteuert, dass sie nichts mit seiner Frau zu tun hätten. Die Polizei behielt die Fundstücke jedoch zur Prüfung ein.

          Die Medien, die in ihrer Sensationslust den Murdoch-Skandal gern zu einer den Premierminister ernsthaft in Bedrängnis bringenden Affäre ausgeweitet sähen, heben hervor, dass Charlie Brooks als ehemaliger Schulkamerad zu den ältesten Freunden des Premierministers zählt. Beide sind Etonzöglinge, jedoch ist Cameron drei Jahre jünger als Brooks. Der Premierminister, der wiederum seine engen Beziehungen zur Murdoch-Presse und insbesondere zu Rebekah Brooks herunterspielen möchte, sah sich dieser Tage genötigt, die alte Bekanntschaft mit Charlie Brooks zu unterstreichen, als er zugeben musste, dass er einst auf einem Polizeipferd ausritt, das Rebekah Brooks in Pflege genommen hatte. Das sei ein weiteres Indiz, so frohlocken die Kritiker, für den Sumpf im Kern des Establishments.

          Die jüngsten Festnahmen lassen darauf schließen, dass die Polizei, die neben der „Operation Weeting“ auch die mit Bestechungsvorwürfen befasste „Operation Eleveden“ führt, sich verstärkt mit den vermeintlichen Vertuschungsmanövern bei News International befasst. Rebekah Brooks, die vor der Beförderung zur Geschäftsführerin von News International im Herbst 2009 Chefredakteurin der „News of the World“ und der „Sun“ gewesen war, behauptet zwar, nichts von der illegalen Informationsbeschaffung bei den Blättern gewusst zu haben, doch erging im November 2009 unter ihrer Führung die Anweisung an Mitarbeiter, elektronische Mails zu löschen, die sich als „nicht hilfreich“ erweisen könnten im Zusammenhang mit künftigen Rechtsstreitigkeiten.

          Im Januar war Rebekah Brooks’ ehemalige Sekretärin wegen des Verdachts der Justizbehinderung festgenommen und verhört worden. Seitdem mehren sich die Hinweise der versuchten Verschleierung. In einem am Mittwoch veröffentlichten Brief an den parlamentarischen Ausschuss für Kultur, Medien und Sport hat Rupert Murdochs Sohn James sein „tiefes Bedauern“ über die Abhöraffäre geäußert und bekannt, dass er als Vorsitzender von News International dafür die Verantwortung übernehmen müsse, dass der Abhörskandal nicht aufgedeckt worden sei. Murdoch junior wiederholte jedoch, dass er das Parlament nicht in die Irre geführt habe. In einem Schreiben an die entmutigte Belegschaft der „Sun“ hat Rupert Murdoch von „schwierigen und aufreibenden“ Zeiten geschrieben, die man sich nicht einfach wegwünschen könne. Das klingt fast wie eine Untertreibung.

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