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Album der Woche : Im Dunkeln tanzen

  • -Aktualisiert am

Die Mitglieder von The War on Drugs. Dritter von rechts: Adam Graduciel. Bild: Warner Music

Mit Bruce Springsteens Glockenspiel durch die Nacht: Auf „A Deeper Understanding“ pusten The War on Drugs den Staub von den Platten der Synth-Rock-Väter.

          3 Min.

          Es bedarf eines wachen Geistes, aber auch einer gewissen Sturheit, um etwas Großartiges zu leisten. Adam Graduciel, das Mastermind der Band The War on Drugs, ist so ein Geist – ein sehr spezieller sogar. Der Amerikaner ist der Wortführer in der Band, die er einst gemeinsam mit Kurt Vile gründete, aber alleine als Bandleader, Produzent und Hauptsongwriter durch die letzten drei der insgesamt vier Alben führte. Auch „A Deeper Understanding“ wurde wieder von ihm konzipiert. Nach dem durchschlagenden Erfolg des letzten Albums „Lost in the Dream“ aus dem Jahr 2014, das mit „Red Eyes“ sogar einen kleinen Hit vorweisen konnte, verschanzte sich Graduciel in Studios in Los Angeles und New York, tüftelte an neuen Techniken, an Sound, an Aufnahmemethoden um den Sound seiner Band weiterzuentwickeln. Erst als er sich bereit fühlte und die Songideen standen, ging es an das Aufnehmen. Auch ein neuer Labelvertrag wurde unterzeichnet – The War on Drugs gingen für „A Deeper Understanding“ vom Indielabel Secretly Canadian zum Majorlabel Atlantic Records.

          Das inzwischen vierte Album des Projekts aus Philadelphia strotz gerade zu vor künstlerischer Hingabe: Schon mit den ersten Takten des Openers „Up All Night“ hört man die exzessive Studioarbeit, in der jede Klangzutat akribisch genau den Sound getrimmt wurde, den Graduciel haben will. Ein hämmernder, durchdringender Beat, irgendwo zwischen Krautrock und Synth-Pop, gepaart mit dem typisch-smoothen Drive des Achtziger-Rocks. Die ersten drei Songs der Platte bilden gemeinsam eine nahezu perfekte Eröffnung: Auf "Up All Night" folgt mit „Pain“ ein herzzerreißender Rocksong, der bekannte Motive des Heartland-Rocks aufnimmt und in einem wahren Gitarrenfeuerwerk kulminiert, gefolgt von „Holding On“, dem Song mit dem wohl größten Hit-Potential der Platte. „Holding On“ biete wohl am deutlichsten Anlass zum Vergleich mit Graduciels großem Helden Bruce Springsteen. Stilistisch erinnert das Stück stark an dessen „Born in the U.S.A.“- oder „Tunnel of Love“-Zeiten, das durchdringende Glockenspiel aber auch an „Born to Run“ aus dem Jahr 1976.

          Die hörbaren Bezüge auf Rockgrößen wie Springsteen sind jedoch nie nur schlichte Ehrerbietung: Graduciel macht sich die Musik aus der Epoche des Synth-Rocks der Achtziger zu eigen, verarbeitet sie in seinem eigenen Referenzrahmen und datiert alles neu – auf die Musikwelt anno 2017. Von wegen Blumen von gestern. Schon mit den Alben „Slave Ambient“ (2011) und „Lost in the Dream“ hat sich Graduciel einen eigenen Sound angeeignet, der sicherlich diese Referenzen nicht verheimlicht, aber dennoch den Drahtseilakt schafft, in einer post-modernen Musikwelt nur so vor Originalität zu sprühen. Das liegt sicherlich auch an Graduciels geradezu manischer Beziehung zu seiner eigenen Arbeit: Auf „A Deeper Understanding“ singt er, spielt die Hälfte der Instrumente ein, produzierte das Album und mischte zusammen mit Shawn Everett alles ab. Everett, der in der Vergangenheit auch Alben von Weezer oder Warpaint mischte, wurde eigens von Graduciel angeheuert und trägt maßgeblich zum abgeschlossenen Klangbild der Platte bei. Die zehn Songs wirken homogen, angenehm und dringlich: Der breite Synthesizer-Sound lässt breite Klangflächen entstehen, in die man gerne eintaucht.

          Die für Graduciel typische Einsamkeitsthematik hinterlässt, gepaart mit dem eher smoothen Sound der Platte, einen bittersüßen Eindruck: Die trüben Texte transportieren einen an einen Ort, an dem man – voller Sehnsucht – auf etwas wartet, an einen anderen Ort denkt, an dem man gerne wäre. Und dort möchte man diesen Moment mit jemandem teilen, auf den man wartet. Am besten transportiert dieses Gefühl sicherlich das elfminütige Centerpiece der Platte, „Thinking of a Place“, das einen entspannten, Pink-Floyd-artigen, Takt hat und somit verträumt, vor allem melancholisch daherkommt.

          „A Deeper Understanding“ ist ein Album für Nächte voll sinnsuchenden Wartens. „I’m moving through the dark, in a long black night“ singt Graduciel auf „Thinking of a Place“, auf der Suche nach Zuneigung, Liebe und dem Ende der Dunkelheit in seinem Leben – und natürlich auch nach dem “Deeper Understanding”, dem tieferen Verstehen der Zusammenhänge, dem Verstehen des Daseins auf dieser Erde. Das haben schon viele der „Heartland“-Rocker zu ergründen versucht und es gehört fast dazu, dass man dieses Geheimnis ungelüftet lässt.

          Graduciel hat mit „A Deeper Understanding“ wohl sein kohärentestes und auch sein konsequentestes Album abgeliefert: Zehn Songs, von denen kein einziger auch nur annähernd als Füller bezeichnet werden kann. Eine ehrwürdige Übertragung der Motive des Synth- und Heartlandrocks in unsere Zeit von einem der kreativsten Kauzköpfe der Musikwelt. Ein Album, wie man es nur alle paar Jahre bekommt.

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