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Charles Darwins Geburtshaus : 600 Millionen und ein Wurm

Ein Kopf, der die Welt veränderte: Darwins Büste Bild: Matthias Lüdecke

Auf Darwins Spuren: Wie funktioniert innovative, unkonventionelle Forschung? Der Regenwurm weiß es.

          2 Min.

          Sie sind taub, blind, stumm und rechte Kriecher. Ihre Feinde sind zahlreich, gnadenlos, gemein. Sie gehören zur Ordnung der Wenigborster, was man ihnen auf Anhieb ansehen kann. Sie sind sehr muskulös und seit jeher ungemein fleißig, aber ihr Ruf war die längste Zeit mehr als miserabel. Es musste erst ein Genie kommen, damit sich ihre guten Eigenschaften herumsprechen konnten. Über Jahrzehnte hinweg hat Charles Darwin sich immer wieder mit Regenwürmern beschäftigt, bevor er ihnen sein letztes, wenige Monate vor seinem Tod erschienenes Werk widmete. Es beschreibt „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer“ und räumte mit dem im neunzehnten Jahrhundert gängigen Irrtum auf, dass es sich bei Regenwürmern um Schädlinge handele. Dabei scheute der Naturforscher keine Mühe. Darwin konfrontierte den Wurm mit hohen Pfeiftönen und den tiefen Klängen eines Fagotts. Er schrie und spielte Klavier, um herauszufinden, ob der Wurm Ohren hat. Er stellte fest, dass der Augenlose zwischen hell und dunkel unterscheiden und auch Schwingungen wahrnehmen kann. Er untersuchte die Lebensweise des Wurms unter allen erdenklichen Aspekten, obwohl das Objekt seines Interesses ihm nur wenig Entgegenkommen erwies. Vor allem aber führte er ein neunundzwanzig Jahre währendes Experiment durch, mit dem er seine Vermutung belegte, „dass die ganze Ackererde über das ganze Land hin schon viele Male durch die Verdauungscanäle der Würmer gegangen ist und noch viele Male durchgehen wird.“

          Denn im Laufe der Jahre fanden sich die Kreidestückchen, die Darwin in der Nähe seines Hauses an der Oberfläche ausgebracht hatte, in einer Tiefe von zwanzig Zentimetern wieder. Zum ersten Mal war damit der Zusammenhang zwischen der Bodenbeschaffenheit und einem Lebewesen untersucht und bewiesen worden.

          Ein Denkmal für den Wurm

          Jetzt soll in Darwins Geburtshaus „The Mount“ in Shrewsbury eine internationale Hochschule zur Förderung und Ausbildung von Naturwissenschaftlern im Geiste Darwins entstehen. Ziel der Einrichtung ist es, Forscher zu ermutigen, konventionelle Wege zu verlassen und mit Forschungen außerhalb der üblichen akademischen Strukturen frische Impulse zur Entwicklung einer umweltfreundlicheren Wirtschaft beizusteuern. Ein in Manchester ansässiges Unternehmen für Cybersicherheit stellt ein Gründungskapital von hundert Millionen Pfund zur Verfügung. Weitere fünfhundert Millionen Pfund sollen von zwei amerikanische Mäzenen zugesagt worden sein. Bis Ende 2022 will man „The Mount“, das zur Zeit von einer Steuerbehörde genutzt wird, in eine weltweit vernetzte digitale Plattform verwandelt haben. Über all dem darf der Regenwurm nicht vergessen werden. Man sollte ihm ein Denkmal im Garten von Darwins Geburtshaus errichten, einen Hörsaal nach ihm benennen und sich überhaupt ein Beispiel an ihm nehmen. Man müsse wohl bezweifeln, schrieb Darwin, ob es noch viele andere Tiere gebe, die eine derart bedeutende Rolle in der Geschichte der Erde gespielt haben. Der Regenwurm verändert die Welt, indem er sie verdaut. Aber hätte er je viel Aufhebens darum gemacht?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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