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60 Jahre Erklärung der Menschenrechte : Wir können sagen: Nie wieder

Am Ort der als nicht-proamerikanisch apostrophierten liberalen Elite: die Universität Harvard Bild: AP

Vor sechzig Jahren versammelten sich die Vereinten Nationen in Paris, um die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ zu beschließen. In Harvard diskutierten jetzt Literaturwissenschaftler, Juristen und Politologen über die Menschenrechte. Das Wort Guantanamo fiel kein einziges Mal.

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          In der Bostoner U-Bahn sitzt ein Obdachloser. Er ist schwer erkältet, und jedesmal, wenn er ins Futter seiner zerschlissenen Daunenjacke niest, denn er scheint ein höflicher Mann zu sein, wirbeln kleine Daunenfedern auf. Stehen in der Luft zwischen den Sitzreihen und senken sich danach lautlos hinab. Das passiert gleich dreimal, und immer schauen die anderen Passagiere von ihren Zeitungen hoch, auf deren Titelblättern nur wieder die nächsten Horrormeldungen aus Detroit stehen, sinnieren den Daunenfederwirbeln hinterher, dann scheint ihnen kurz etwas einzufallen, sie mustern den Obdachlosen und beugen sie sich schließlich wieder über die Bail-out-Berichte.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Zug hält am Harvard Square, direkt vor der weltberühmten Universität, die dem Platz seinen Namen gibt. Sie benötigt zwar keine Hilfe aus Washington wie die Autofirmen aus Detroit, deren Namen in diesen amerikanischen Dezembertagen in jeder Nachrichtensendung, auf jeder Zeitungsseite fallen: Aber auch die reiche Harvard University hat die Finanzkrise empfindlich getroffen. Acht Milliarden Dollar Investitionen sind einfach weg, haben sich im Stiftungsvermögen verflüchtigt, aus dem Staub gemacht wie Daunen.

          Am Ort der „unamerikanischen Elite“

          Acht Milliarden Dollar sind ungefähr die Hälfte des Etats, über den das Berliner Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr verfügt. Die Studenten in Harvard mag diese Zahl ungefähr so sehr beunruhigt haben wie die inoffizielle Liste ihrer Professoren, die Obama nach Washington abberufen könnte, kürzlich gedruckt in der Campuszeitschrift „The Citizen“: Über Namen wie Joseph Nye wurde da spekuliert, der ein außenpolitischer Großkopf ist wie Samantha Power, die auch auf dieser Liste steht, obwohl sie die künftige Außenministerin Hillary Clinton im Wahlkampf als „Monster“ bezeichnet hatte und deshalb Obamas Team verlassen musste. Wer bleibt noch, wenn solche Leute gehen? Und schicken die Bushies im Gegenzug ihre Arbeitslosen her?

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          Undenkbar wäre das. Denn Harvard versammelt jene liberale, empfindliche und spezielle Elite, die von der jetzt abtretenden Regierung so oft verunglimpft wurde, als unamerikanisch, oder besser: als nichtproamerikanisch. Während wir unser Land vor den Terroristen schützen wollen, spottete etwa die republikanische Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin im Wahlkampf, sorgt sich Obama nur darum, dass man ihnen auch ja ihre Rechte vorliest.

          Kein Wort von Guantanamo

          In Harvard, wo der künftige Präsident Jura studierte, hat sich in der vorigen Woche eine Tagung genau dieser Rechte angenommen, und letztlich auch dem Lesen: Weil es sich am 10. Dezember zum sechzigsten Mal jährte, dass sich die Vereinten Nationen in Paris versammelten, um die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ zu beschließen, versammelten sich im feinen Faculty Club von Harvard Juristen, Literaturwissenschaftler, Ärzte, Politologen und Pädagogen, um über den Stand der Menschenrechte im Jahr 2008, ihre Hürden und Erfolge und Maßstäbe zu diskutieren. Draußen war das Land, das der Welt Guantanamo Bay eingebrockt hat. Drinnen fiel dieser Ortsname kein einziges Mal.

          Begonnen hatte die Tagung damit, dass die dreißig Artikel der Erklärung im Forum der Kennedy School feierlich verlesen wurden, von äthiopischen und libyischen Aktivisten, einer kolumbianischen Lehrerin, einer Sechstklässlerin, einer Richterin, einem Tibeter, einem ehemaligen Gouverneur. Der Saal war voll, aber nicht so voll wie am Abend darauf, als auf der selben Bühne die engsten Wahlkampfberater von Obama und McCain - David Axelrod und David Plouffe auf der einen, Rick Davis und Bill McInturff auf der anderen Seite - über die Kampagnen diskutieren, müde und versöhnlich alle vier irgendwie, aber die Gewinner deutlich versöhnlicher und die Verlierer deutlich müder. Das hatte mit der Tagung nichts zu tun, aber auch das war Harvard: Der Platz, wo sich Amerika intensiv und auf personell höchstem Niveau mit sich selbst beschäftigen kann, sich selbst seine Geschichten erzählt.

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