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59. Deutscher Filmpreis : Der Trost der Currywurst

Die Krise war natürlich auch präsent, nicht nur in den mal mehr, mal weniger gelungenen Wortspielen. Sie ging durch den Magen. Weil einige Sponsoren sich zurückgezogen hatten, fiel das sonst so opulente Buffet aus - nur Brezeln, Kartoffelsalat, Buletten und Currywurst wurden eher unregelmäßig auf Puppenstubengeschirr gereicht, und man dachte an die Froschkutteln mit Chilisoße, die Ulrich Tukur in seiner Dankesrede erwähnt hatte.

Aber der Hunger, der einen durch den Abend begleitete, hatte vielleicht auch mit den Filmen zu tun, von denen die meisten ein Gefühl der Leere hinterließen. Teure und billige, grob gestrickte, feiner ziselierte, bevölkert von Terroristen, türkischen Gangs, Trauerarbeitern und Senioren, aber keiner mit dem Sog, der ihn unwiderstehlich machte.

Wohlige Konsensfilme

Es war klar, dass der beste Film im Feld, „Jerichow“, leer ausgehen würde; nicht weil sein Regisseur Christian Petzold partout der Akademie nicht beitreten möchte, sondern weil Petzolds kühle, beziehungssezierende und drastisch verschlankende Ästhetik einfach nicht dieses wohlig-diffuse Konsensgefühl auslöst, das vom allgemein Menschelnden oder der aufgeplusterten historischen Bedeutsamkeit ausgeht. Einer wie Petzold muss sich den Beifall aus Frankreich holen, wo „Jerichow“ gerade angelaufen ist und wo man mehr von dieser Art Kino hält. „John Rabe“ darf nach China, da wird er mit 750 Kopien demnächst ins Kino gebracht.

Aber wen hätte man dann überhaupt prämieren sollen? Den „Baader Meinhof Komplex“, den zweiten Amphibienfilm unter den Nominierten, die RAF-Nummernrevue, in der vor lauter Höhepunkten kaum noch Geschichte übrig bleibt? Nein, da war die Akademie störrisch: Bernd Eichinger, der damals so energisch ihre Gründung betrieben hat und nun mit Bushido, dem Helden seiner nächsten Großproduktion, in der ersten Reihe saß, wurde nach „Untergang“ und „Parfüm“ zum dritten Mal gedisst. Oder „Wolke 9“, der eine eher triviale Ehebruchsgeschichte mit dem Alleinstellungsmerkmal versieht, dass die Protagonisten jenseits der Siebzig sind und Sex haben?
Caroline Links Familienporträt „Im Winter ein Jahr“, das sehr erwachsen ist, sehr stilisiert im Detail und so vorsätzlich spröde und zurückgenommen? Die Straßentauglichkeit und Schnörkellosigkeit von „Chiko“, dem großen Außenseiter, der so unerwartet unter die sechs Nominierten kam und unter dessen Fernsehästhetik zumindest ein harter, vitaler Beat schlägt?

Im Schwanken zuhaus

Weil da offenbar keiner war, der die Akademie wirklich entflammt hätte, bekamen viele etwas ab und einer eben etwas mehr. In diesem Mangel an Haltung oder auch Entschlossenheit, in diesem unsicheren Schwanken, war der deutsche Film dann wohl doch wieder bei sich.
Es war dann aber doch kein ganz verlorener Abend. Es wurde mehr geredet, weil es weniger zu essen gab, man schaute in Gesichter, die man beinahe vergessen hatte oder kaum wiedererkannte, trank tapfer Wodka und als dann spät am Abend Günter Rohrbach vor einem stand, als man trotz Differenzen ins Gespräch kam, bekannte der scheidende Akademiepräsident und Produzent von „Anonyma“, noch nie in seinem Leben eine Currywurst probiert zu haben. Wenigstens in diesem Moment konnte man als Kritiker, der gerade eine der letzten Pappschalen mit Wurst erobert hatte, auch mal was für den deutschen Film leisten.

Die Gewinner des Deutschen Filmpreises 2009

SPIELFILM:

Filmpreis in Gold (500.000 Euro):
„John Rabe“ von Florian Gallenberger

Filmpreis in Silber (400.000 Euro):
„Im Winter ein Jahr“ von Caroline Link

Filmpreis in Bronze (300.000 Euro):
„Wolke 9“ von Andreas Dresen

DOKUMENTARFILM:

Filmpreis in Gold (200.000 Euro):
„Nobody“s perfect“ von Niko von Glasow

KINDER- UND JUGENDFILM:

Filmpreis in Gold (250.000 Euro):
„Was am Ende zählt“ von Julia von Heinz

Filmpreis in Gold (jeweils 10.000 Euro):

BESTE HAUPTDARSTELLERIN:

Ursula Werner (“Wolke 9“)

BESTER HAUPTDARSTELLER:

Ulrich Tukur (“John Rabe“)

BESTE NEBENDARSTELLERIN:

Sophie Rois (“Der Architekt“)

BESTER NEBENDARSTELLER:

Andreas Schmidt (“Fleisch ist mein Gemüse“)

BESTE REGIE:

Andreas Dresen (“Wolke 9“)

BESTES DREHBUCH:

Özgür Yildirim (“Chiko“)

BESTE KAMERA/BILDGESTALTUNG:

Kolja Brandt (“Nordwand“)

BESTER SCHNITT:

Sebastian Thümler (“Chiko“)

BESTES SZENENBILD:

Tu Ju Hua (“John Rabe“)

BESTES KOSTÜMBILD:

Lisy Christl (“John Rabe“)

BESTE FILMMUSIK:

Niki Reiser (“Im Winter ein Jahr“)

BESTER TON:

Tschangis Chahrokh, Heinz Ebner, Guido Zettier (“Nordwand“)

EHRENPREIS (undotiert) für herausragende Verdienste um den deutschen Film:

Loriot alias Vicco von Bülow

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