https://www.faz.net/-gqz-oht2

50 Jahre Pixi-Bücher : Zwanzig Gramm Buch - kein geringes kulturelles Gewicht

Schnell wird deutlich, daß Carlsen umstandslos und regelmäßig Neuauflagen von erfolgreichen Titeln mit neuer Nummer ins Programm genommen hat. Die Zahl der tatsächlich ausgelieferten Titel liegt also ein gutes Stück unter der offiziell genannten Zahl. Zwischen Band 408 und 465 fehlt die Numerierung ganz - eine saubere Editionspraxis wird man das nicht nennen wollen. Das Recycling von Bestsellern hat eben Vorrang, und warum soll "Das Einschlafbuch" nicht alle paar Jahre neue Leser finden? 1982 war das Jahr einer wichtigen ästhetischen Weichenstellung, als man Eva Wenzel-Bürger, die bereits mit "Mimmi an der Nordsee" vertreten war, beauftragte, die Pixi-Figur neu zu gestalten. Mit der gleichen Optik kam später auch jene Conni hinzu, die heute zu den erfolgreichsten Figuren in der Pixi-Geschichte zählt.

Sei es Unvermögen oder Kalkül, es hat sich an diesen Figuren in zwanzig Jahren nichts geändert, eine für jeden Zeichner gelinde gesagt ungewöhnliche Strichtreue, deren penetrante Schlichtheit aber offenbar gut ankommt. Ob Conni nun das Seepferdchen macht, zum Zahnarzt geht oder ein Geschwisterchen bekommt, immer schaut sie gleich unerträglich fröhlich drein. Mag sein, daß der Konservatismus der Eltern zu diesem Erfolg beiträgt, er verstellt auf jeden Fall den Blick auf Illustratoren, die mehr riskieren. Wie überhaupt das künstlerische Wagnis - mit wenigen Ausnahmen - nie Sache des Lektorats war. Dabei gibt es durchaus Ansätze, auch zeitgenössische Themen ins Spiel zu bringen: "Inki und Lukas" schildert Nachhilfe in angewandtem Multikulturalismus, "Die erste Schokolade" bereitet die Trümmerfrauenzeit auf, "Viktor baut ein Brücke" übt sich gar in sanfter Kapitalismuskritik.

Großer Einfluß auf die frühkindliche Lese- und Sprecherziehung

In Troisdorf sind auch ausgewählte Originalzeichnungen (unter anderem von Rotraut Susanne Berner, Jutta Bauer, Peter Schössow, Jacky Gleich und Sabine Wilharm) zu sehen; und in der Mitte des Saals ist ein Holzkasten aufgebaut, der statt Sand Hunderte Pixis enthält. Die Zielgruppe nimmt dieses Angebot besonders gern wahr. Und wenn Leser an "Pixi, Deutschland" schreiben, erreichen den Carlsen Verlag in Hamburg Briefe wie jener aus dem Jahr 1999, in dem die damals drei Jahre alte Michaela ihre große Schwester schreiben ließ: "Hallo Pixi, (. . .) Wenn ich auf die Toilette muß, kommt Mama immer mit einem Höckerchen und setzt sich neben mich und liest mir ein Pixi-Buch vor."

Es gibt keine Buchserie, die einen so großen Einfluß auf die Entwicklung der Vor-Pisa-Deutschen hatte wie diese. Eine westdeutsche Nachkriegsbiographie ab Jahrgang 1950 ist ohne Pixis kaum vorstellbar. Pixi-Bücher sind oft die ersten Textbücher für Kinder und üben schon von daher einen großen Einfluß auf die frühkindliche Lese- und Sprecherziehung aus. Und sie sind, wie Maria Linsmann, die Leiterin des Bilderbuchmuseums Burg Wissem meint, ein "gut gemachtes, bezahlbares, demokratisches Medium". In einer Zeit, in der Sozialisation und Lernen verwechselt werden, ist das Pixi-Buch aber auch ein Medium, das die Intimität von Lernvorgängen erfahrbar macht. Zwanzig Gramm Buch, die Generationen von Lesern mitgeprägt haben, sind kein geringes kulturelles Gewicht.

Weitere Themen

Droht das Ende der BBC?

Rundfunkgebühren : Droht das Ende der BBC?

Schlechte Nachrichten aus der Downing Street für die BBC: Der Konfrontationskurs mit dem öffentlich-rechtlichen Sender erreicht die nächste Eskalationsstufe.

Topmeldungen

In Karlsruhe wird ein Verdächtiger am Samstag abgeführt.

Zerschlagene Terrorzelle : Sie planten Endzeit- und Bürgerkriegsszenarien

Eine überregionale rechtsextreme Terrorzelle stand offenbar kurz davor, einen schweren Anschlag zu verüben. Die Mitglieder fanden sich wohl im Netz und radikalisierten sich. Nun kam heraus, welche Pläne sie hatten und wie sie gestoppt wurden.
In einem Landtag: Björn Höcke, AfD-Fraktionschef, und weitere Mitglieder der AfD-Fraktion verfolgen in Erfurt die Regierungserklärung von Ministerpräsident Ramelow (Linke)

AfD und Linke : Streitbare Demokratie

Ob eine Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hängt auch vom Verhalten ihres Führungspersonals ab. Und hier marschiert die AfD bewusst in Richtung Verfassungsfeindlichkeit.
Eingang zur Zentrale der BBC in London

Rundfunkgebühren : Droht das Ende der BBC?

Schlechte Nachrichten aus der Downing Street für die BBC: Der Konfrontationskurs mit dem öffentlich-rechtlichen Sender erreicht die nächste Eskalationsstufe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.