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50 Jahre Kulturrevolution : Alles Alte zerstören!

„Vorsitzender Mao, das revolutionäre Volk der Welt liebt sie unendlich!“ Seit dem Jahr 1969 hat das revolutionäre Volk seine Meinung geändert. Bild: dpa Picture-Alliance

Vor fünfzig Jahren begann in China die Kulturrevolution. Die grauenhafte Dialektik, die Mao damals ausprobierte, hatte auch paradoxe Folgen. Zum Beispiel den Kapitalismus.

          6 Min.

          Es hat einen einleuchtenden Grund, dass man in China heute nicht groß über die Kulturrevolution sprechen soll: In bestimmter Hinsicht ist sie nämlich immer noch nicht vorbei. Die Entfesselung, die Mao ins Werk setzte, trennte die kommunistische Ideologie von der Kommunistischen Partei und fand in der Entfesselung des Kapitalismus durch die Partei insofern eine logische Fortsetzung. Und gerade erfährt das Experiment durch den aktuellen Parteivorsitzenden Xi Jinping eine weitere überraschende Wendung. Das Ende ist offen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          War es das, was Mao mit „Dialektik“ meinte? Über kein Thema sprach der Vorsitzende lieber, kein anderes erlaubte ihm so sehr, sein Selbstbild als freier Denker auf elektrisierende, seine Umgebung aber eher beunruhigende Weise mit dem des Machthabers zu verbinden, der die Realität jederzeit seinen Ideen anpassen konnte. So bemerkte Mao, als er im August 1964 wieder einmal über „Fragen der Philosophie“ improvisierte: „Wenn Menschen sterben, sollte es Feste geben, um den Sieg der Dialektik zu feiern, um die Zerstörung des Alten zu feiern. Auch der Sozialismus wird eliminiert werden. Das Leben der Dialektik ist die beständige Bewegung auf Gegensätze zu.“

          Revolution gegen die Partei

          Es sollte nicht lange dauern, bis diese Feste zu Ehren der Dialektik tatsächlich stattfanden. Am 16. Mai vor fünfzig Jahren rief ein zunächst internes Dokument des Politbüros die „proletarische Kulturrevolution“ aus, die am Ende vermutlich 1,5 bis 2 Millionen Menschen das Leben kostete und ungleich mehr zerrüttete. Aber worauf diese Art Dialektik letztlich hinausläuft, was eigentlich das „Alte“ ist, das da zu Ende ging, mit dieser Frage ist China bis heute nicht fertig. Der Absicht nach sollten es Konfuzius und der Kapitalismus, die Traditionen und die revisionistischen Hintergedanken sein, die sich tief drinnen in der „Kultur“ ein Schlupfloch gesucht hätten und sogar die Partei zu zersetzen drohten. Doch was Maos Bewegung als Erstes zerstörte, waren die Institutionen des kommunistischen China selbst.

          Maobibeln schwenkend voran: Demonstration der Rotgardisten-Jugendgruppe im Jahr 1966 vor der Sowjetischen Botschaft in Peking.

          Von heute auf morgen wurde die Revolution nicht mehr durch, sondern gegen die Partei und deren Spitzenpersonal gemacht, von einem kollektiven Subjekt, das wie eh und je „die Volksmassen“ genannt wurde, aber in Wirklichkeit nach außen gar nicht mehr identifizierbar war. Unter dem Motto „Rebellion ist gerechtfertigt“ startete ein gigantisches Experiment: Was passiert, wenn man eine Gesellschaft unter einen hohen inneren Druck setzt und gleichzeitig loslässt, sie mit einer Vielzahl ideologischer Konzepte versorgt, die zugleich unscharf und widersprüchlich bleiben, wenn für einen bestimmten historischen Moment also plötzlich alles möglich sein soll?

          Wenn Idealismus in Hass und Gewalt umschlägt

          Bisher hat sich die Forschung vor allem darauf konzentriert, was hinter den Kulissen der Macht in diesen Jahren vorging, welche Winkelzüge Mao und seine Getreuen gebrauchten, um die Widersacher in der Partei auszuschalten, die jugendlichen Rotgardisten zu instrumentalisieren, sie mit Hilfe der Armee wieder unter Kontrolle zu bringen, dann auch die Armee in ihre Schranken zu weisen und das Land mit immer neuen Richtungskämpfen unter Spannung zu halten, bis Mao 1976 starb und sich seine Nachfolger von den „zehn chaotischen Jahren“ abwandten. Eine der detailliertesten und souveränsten Früchte solcher Untersuchungen ist Roderick MacFarquhars und Michael Schoenhals’ Buch „Mao’s Last Revolution“ von 2008. MacFarquhar wehrt sich dagegen, die Kulturrevolution als bloßen Machtkampf zu betrachten; Mao habe auch dann damit weitergemacht und die Revolution in die Provinzen getragen, als er im Februar 1967 seinen letzten Widersacher aus dem Weg geräumt hatte.

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