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50 Jahre Kulturrevolution : Alles Alte zerstören!

Mao-Taschen als Alternativwährung

Dass es sich bei solchen Umtrieben nicht einfach um die Wiederherstellung früherer Zustände handelte, sondern um eine eigenständige Innovation, zeigt ein spezieller Markt aus der allerersten Phase der Kulturrevolution. In dieser Zeit war für die Millionen Rotgardisten, die in die Hauptstadt strömten und danach über Land zogen, die Mao-Tasche ein zentraler Fetisch der Loyalität zum Vorsitzenden und damit eines der wenigen als legitim anerkannten Besitztümer. Die bald nach Material und Form ausdifferenzierten Taschen wurden unter den Rotgardisten gehandelt und als Währung benutzt, so dass die staatlichen Fabriken mit der Produktion gar nicht mehr nachkamen und durch Untergrundfabriken unterstützt wurden. Man schätzt, dass am Ende zwei bis fünf Milliarden Taschen im Umlauf waren. Interessant ist nun, dass die lokalen Parteifunktionäre, die die großen Mao-Taschen-Marktzusammenrottungen in vielen Städten degoutant fanden, nichts dagegen tun konnten: Rotgardisten überwachten und schützten das Treiben ja. Eben die Instanz, die als Inhaber des höheren politischen Bewusstseins die Partei ausmanövrierte, fungierte hier also gleichzeitig als Wegbereiter des Markts.

Peace! Statuen von Mao Zedong und Genral Zhu De zum Gedenken an den Japanisch-Chinesischen Krieg in der Provinz Szechuan.

Es ist übertrieben, daraus wie Frank Dikötter abzuleiten, dass Deng Xiaoping nach dem Tod Maos kaum eine andere Wahl gehabt hätte, als die außerplanwirtschaftlichen Aktivitäten nachträglich zu legitimieren. Doch jedenfalls unternahm Deng nicht den Versuch, die durch die Kulturrevolution aufgerissene Kluft zwischen Partei, Ideologie und Gesellschaft wieder zu kitten. Vielmehr verlängerte er den Bruch unter neuen Vorzeichen, indem er nun die Ideologie einklammerte, um so die Macht der Partei wiederherzustellen und gleichzeitig die frei gewordene gesellschaftliche Energie endgültig in kapitalistische Bahnen zu lenken. Er dezentralisierte die Herrschaft und ermunterte die Kader, für den Markterfolg Sorge zu tragen, indem sie selber daran Anteil nehmen. Ein solcher in der Weltgeschichte des Kommunismus einzigartiger, zugleich hohe Anforderungen an die Widerspruchstoleranz stellender Vorgang wäre ohne die Eigendynamik, die 1966 einsetzte, nicht möglich gewesen.

Die Partei wieder in den Griff bekommen

Doch auch diese Phase ist mittlerweile zu Ende gegangen. Xi Jinping gibt eine etwas andere Antwort als Deng auf die große Doppelfrage, die Maos Zerstörungen hinterlassen hatten: Was tun mit der gesellschaftlichen Energie, was tun mit Ideologie und Moral? Er setzt den Akzent wieder auf Letztere, nicht nur propagandistisch, sondern auch durch eine fortschreitende Institutionalisierung der Kontrolle, eine Abkehr von der Dezentralisierung und seinen Kampf gegen Kaderkorruption – Maßnahmen, durch die er die Partei wieder in den Griff zu bekommen versucht. Auch das hat seine Logik. Die in Dengs Marktreformen systemisch angelegte, in den letzten Jahrzehnten sich ausweitende Funktionärskorruption führte zu immer mehr Unmut, zu einer sich beschleunigenden Erosion der Herrschaftslegitimität.

Wieder scheint sich da ein Vorsitzender mit den Massen gegen seine Partei verbünden zu wollen. Doch anders als Mao will Xi jede einzelne Phase unter Kontrolle behalten. Was bleibt, ist der Kapitalismus; er sorgt dafür, dass „Ideologie“ weiterhin eine mit der Partei keineswegs notwendig verbundene, sondern nach wechselnden Opportunitäten stets neu zu füllende Größe ist. Die kulturrevolutionäre Dynamik, der er sich verdankt, ist also noch längst nicht abgeschlossen, da können noch jede Menge Überraschungen lauern. Kein Wunder, dass die Parteizeitung „Global Times“ kürzlich darauf drang, dass sich die Beschäftigung mit der traumatischen Zeit kein Haarbreit „von der Politik und dem Denken entfernt, die die Partei festgelegt hat“. Dialektik soll Sache des Vorsitzenden bleiben.

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