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50 Jahre Kulturrevolution : Alles Alte zerstören!

Was aber machten die zu Revolutionierenden mit solchen Absichten? In den letzten Jahren wenden sich Historiker vermehrt den paradoxen Effekten zu, die die Bewegung an der Basis hatte. Schon bisher war bekannt, wie rasch der Idealismus der Rotgardisten in eine Hass- und Gewalt-Lust umschlug, die auch ohne ideologische Motive auskam. Die Demütigungen, Folterungen und Tötungen wurden immer willkürlicher, und die bald ausbrechenden Kämpfe zwischen verschiedenen Rotgardisten-Fraktionen drehten sich meist um so basale Dinge wie Essen, Wohnquartiere oder Diebstähle.

Auszeit am Tiananmen-Platz: Mao wacht dort heute über Selfiestickgrüppchen im seltenen Sonnenschein.

In einem gerade veröffentlichten Buch mit dem Untertitel „A People’s History, 1962-1976“, das sich zum Teil auf Primärmaterial aus chinesischen Parteiarchiven stützt, spricht der in Hongkong lehrende Historiker Frank Dikötter nun von einer „zweiten Gesellschaft“, die sich unterhalb der durch die propagierten Ideen geprägten ersten Gesellschaft gebildet hätte. Es ist eine Gesellschaft der Bandenkämpfe, der Schwarzmärkte, der pornographischen Lektüren, der privaten Untergrundfabriken, der esoterischen Kulte. Nachdem die erste Phase der Kulturrevolution nicht nur die Autorität der Partei zerstört, sondern auch deren operative Kontrollfunktion unterminiert hatte, und nachdem die zweite Phase mit ihrer straffen Überwachung durch das Militär mit dem mysteriösen Tod des Verteidigungsministers Lin Biao 1971 zu Ende gegangen war, brach sich an vielen Orten eine verblüffend weitgehende Selbstorganisation Bahn. Viele Kader waren, schreibt Dikötter, ermüdet von den vielen Richtungswechseln und konzentrierten sich auf die Produktion. Gegen Geld gaben sie Kollektiveigentum, seien es Fischteiche, Schweineställe, Wälder, in private Hände.

Kerouac und Salinger werden Bestseller

Ausgerechnet in Yanan, in dessen Höhlen sich die Volksbefreiungsarmee am Ende des Langen Marschs regeneriert hatte und das deshalb später zum mythischen Ort des kommunistischen Neuen Menschen avancierte, fand ein Inspektionsteam im Dezember 1974 einen blühenden Schwarzmarkt vor. Ein Dorf hatte es aufgegeben, auf dem trockenen Boden wie befohlen Korn zu ernten, und sich stattdessen auf den Schweinehandel verlegt. Von einem Teil des Erlöses kaufte es auf dem Markt dann Korn, um seine Quoten erfüllen zu können. Andere Bauern gingen in die Städte, um in Untergrundfabriken Geld zu verdienen. Von einer Parteisitzung hatte schon lange niemand mehr etwas gehört. Immer noch flatterten Porträts von Lin Biao im Wind, obwohl der schon vor Jahren zur Verdammung freigegeben worden war. Die Wohnungstür des Leiters einer Produktionsfirma schmückte kein Mao-Spruch, sondern Verse eines Kaisers der Tang-Dynastie.

Wahrsager und Geistheiler machten die Runde. Vor allem im Süden Chinas knüpfte man in der zweiten Hälfte der Kulturrevolution an frühere kapitalistische Praktiken an und übertraf deren Ausmaß sogar. 1974 war in der Provinz Guandong der Kapitalwert des Warenflusses aus dem Ausland doppelt so hoch wie 1965.

In der Provinz noch ganz groß: Mao wacht über die Erste Traktorfabrik in Luoyang, Henan.

Auch der Handel mit kulturellen Erzeugnissen nahm einen Aufschwung. Schon seit 1967 gelangten auch Bücher auf den Markt, die vorher unzugänglich waren, da Rotgardisten die durch sie geplünderten Bibliotheken von Klassenfeinden verscherbelten. Eine weitere Quelle waren die Übersetzungen ausländischer Bücher, die in streng limitierter Auflage zur Unterrichtung von Kadern gedruckt worden waren und die später vielfach von Hand abgeschrieben vervielfältigt wurden. So errangen insbesondere Camus, Beckett, Kerouac, Salinger und Stendhal einen geheimen Bestsellerstatus. Letzterer firmierte unter der Sparte „Erotik“, die aber im Übrigen durch ein Werk mit dem Titel „Das Herz eines Mädchens“ dominiert wurde. Mutmaßlich wurde die Auflage dieses Buchs, das den Sex einer Studentin mit diversen jungen Männern schildert, nur von der der Mao-Bibel übertroffen.

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