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50 Jahre Filmförderungsanstalt : Monument des Stillstands

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Auch mit 150 Millionen Euro Förderung durch die FFA sind Kinos nicht zu füllen: ein Blick in den Kinosaal des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt Bild: dpa

Die Filmförderungsanstalt (FFA) begeht ihren fünfzigsten Geburtstag. Aber gibt es bei schwindenden Kinobesuchen und hilfloser Kriterienlosigkeit überhaupt etwas zu feiern? Ein Gastbeitrag.

          Öffentlich fast unbemerkt, obschon mit fast 70 Leuten in Berlins neuer Mitte tätig, unauffällig zumindest in den Ergebnissen, verwaltet die Filmförderungsanstalt (FFA) auf Grundlage des Filmförderungsgesetzes (FFG) mit derzeit rund 150 Millionen Euro etwa die Hälfte des Gesamtvolumens der deutschen Filmförderung. Die FFA setzt im Grunde nur den Willen des Gesetzgebers um.

          Das Budget resultiert, ähnlich wie beim gebührenfinanzierten Rundfunk, aus einer Zwangsabgabe. In diesem Fall nicht des Publikums, sondern der mutmaßlichen Nutznießer, der Filmwirtschaft, die zuweilen nicht nur daran erinnert, dass es „ihr“ Geld ist, sondern auch dessen aus ihrer Sicht sachgemäße Verwendung einzuklagen versucht. Zuletzt 2014 durch die Filmtheater als Beschwerdeführer vor dem Bundesverfassungsgericht. Wahrscheinlich hat niemand ernsthaft bezweifelt, dass dem politischen Willen gerichtlich weiter stattgegeben würde; dennoch sorgte die Debatte um die Rechtmäßigkeit der Förderpraxis des durch die FFA exekutierten FFG für Aufruhr, legte sie doch den Finger auf das Problem, dass die rechtliche Grundlage der Förderpraxis fragil auch nach dem Urteil bleibt. Mit der FFA ist fast niemand zufrieden, seit 50 Jahren.

          Das Publikum wird immer älter

          Den quasi behördlich begründeten Optimismus lässt man sich auch nicht durch die regelmäßig schlechten Zahlen zum gewerblichen Zustand des Kinos verhageln, die man verlässlich zu apportieren beauftragt ist. Der Kinobesuch in Deutschland ist seit seinem Zenit, der bereits gut 60 Jahre zurückliegt, von rund 800 Millionen Eintritten auf rund 121 Millionen im Jahr 2016 zurückgefallen, acht Millionen weniger allein im Zeitraum 2011 bis 2016.

          Das Publikum wird immer älter, die Filmverwertungen wandern aus dem Kino auf Filmfestivals oder ins Internet ab. Das klingt nicht gerade nach großer Zukunft und überlebensfähigem Geschäftsmodell. Der Entwicklung versucht man durch Sperrfristen gegenzusteuern (Auswertung auf DVD erst sechs Monate nach der Kinopremiere, Pay-TV nach zwölf und Free-TV sogar erst nach 18 Monaten). Entscheidend ist für die FFA nicht, wann, wie und wo jemand Filme sehen will, sondern dass die Dämme nicht brechen. Ein Grund zum Feiern? Das hängt, wie vieles die deutsche Filmbranche betreffend, vom Standpunkt der Betrachtung ab.

          Es wäre also an der Zeit, über eine geregelte Musealisierung des Kinos nachzudenken, endlich einen kulturellen Auftrag einzulösen, den Politik für die bildende und darstellende Kunst oder „ernste“ Musik freimütig, wahrscheinlich im Interesse eigener Darstellung, von jeher annimmt. Nicht so für das Kino: In Deutschland gibt es, wohlwollend gerechnet, gerade einmal drei oder vier Kinematheken, die Filmgeschichte regelmäßig präsentieren, mindestens zwei davon in trostlosem Zustand, während sich heute jede mittelgroße Stadt ein Museum für zeitgenössische Kunst und ein Stadttheater leistet, auch wenn dies „wirtschaftlich“ kaum irgendwo vernünftig ist.

          Munter dem Ende entgegen

          Man schiebt das gewerbliche Ende des Kinos auf, glaubt beharrlich weiter an den Markt und geht munter dem Ende entgegen. Anderswo, etwa in Schweden, hat man längst verstanden, dass Kino nur zu retten ist, wenn man auch die kinematografische Praxis rettet (und nicht nur die Filme) und Kopierwerke in staatliche Obhut übernimmt.

          Ganz offensichtlich steht den politischen Entscheidungsträgern das wirtschaftliche Wohlergehen einer Filmbranche, die „wirtschaftlich“ nach wohl keinem vorstellbaren Maßstab agiert, da sie zu etwa 95 Prozent von Förderung abhängig ist, näher als der künstlerische Erfolg oder der eigene kulturpolitische Auftrag, für die man längst jedes Kriterium aufgegeben hat. „Erfolg“ misst man nur noch in Anteilen (seit Mitte der sechziger Jahre mehr oder weniger stabil um 25 Prozent).

          Eine kaum entwirrbare Mischung aus unbelehrbarem Antiamerikanismus (der uns allerdings nicht vor Adaptionen der Oscar-Verleihung schützt) und hilfloser Kriterienlosigkeit feiert den temporären (niemals stetigen) Anstieg an Eintritten für deutsche Filme wie Licht am Ende eines Tunnels. Es ficht dieses System nicht an, dass die Musik in Europa künstlerisch gesehen längst an der Peripherie spielt, vor allem in Griechenland und Portugal, aber auch in Polen, Skandinavien, Rumänien.

          Niemand versucht zu verstehen, warum dort neuartige, aufregende Filme entstehen und in Deutschland die wenigen, die in diesem Regime des Mittelmaßes überleben können, die Ausnahme bleiben. Niemand versucht die unheilvolle Allianz in Frage zu stellen, die Filmförderung, Fernsehen und Filmwirtschaft in Deutschland eingingen, die künstlerische Innovation offenkundig nicht befördert, sondern systematisch bis in die Filmausbildung hinein unterdrückt.

          Dem ehemaligen Wirtschaftsminister Gabriel hat man mit dem „German Motion Picture Fund“ für „hochkarätige, international vermarktbare Serien“ weitere zehn Millionen abgeschwatzt, die Kulturstaatsministerin hat nochmals 25 Millionen in den Deutschen Filmförderfonds (DFFF) geschüttet (beides durch die FFA verwaltet), statt künstlerische Entwicklung gezielt zu fördern, wie man dies auch für andere Künste tut.

          Mehr Geld klingt immer nach besser. Peter Dinges, Vorstand der FFA, tat sich selbst zuletzt damit hervor, die Eintrittsschwelle für Förderanträge noch weiter nach oben zu setzen, so dass die Förderung wirklich nur noch Filmvorhaben für den Massengeschmack zugutekommt. Mindestens 2,5 Millionen Euro muss ein Filmvorhaben kosten und 250 000 Eintritte erzielen (2016 schafften das in Deutschland 21 von etwa 250 Filmen).

          Zwar hat das FFG mit § 1 der FFA die Beförderung der „kreativ-künstlerischen Qualität des deutschen Films“ unmissverständlich ins Stammbuch geschrieben, eine andere Vorstellung von Erfolg als „Standorteffekte“ scheint man jedoch nicht zu besitzen. Nur ein kommerzieller Film ist ein „guter“ Film (auch wenn kaum zehn Prozent der Fördermittel durch solche Filme zurückfließen). Angeblich verzichten kleine, unabhängige Verleiher mangels Erfolgsaussichten zunehmend auf eine Antragstellung bei der FFA.

          Das FFG verdankte seine Entstehung einmal dem Wunsch, die Wettbewerbsnachteile künstlerischer Filme auszugleichen. „Qualität“ in der aktuellen Praxis der FFA jedoch soll nur noch dazu dienen, wirtschaftlichen Erfolg sicherzustellen. Dies führt zu einer vollständigen Aushöhlung des Qualitätsbegriffs im Namen eines weiterhin vergeblich angestrebten Erfolgs. Demgegenüber hat die EU-Kommission 2013 betont, dass ein kommerzieller (also auf wirtschaftlichen Erfolg abzielender) Film ausnahmsweise ein kultureller Film sein kann – und damit deutlich gemacht, dass Filmförderungsentscheidungen nach dem FFG „der Förderung der Kultur dienen“ müssen, um beihilferechtlich zulässig zu sein.

          Die Förderentscheidung muss der EU-Kommission zufolge entweder auf der Grundlage eines verpflichtenden Katalogs stets zu prüfender kultureller Kriterien ergehen oder durch ein Auswahlgremium, das nach künstlerisch-qualitativen Kriterien entscheidet. Eine konsequente Überprüfung eines Filmvorhabens anhand definierter kultureller Kriterien durch die FFA aber findet nicht statt.

          Zum Jubiläum der FFA erscheint nun ein Jubelwerk, in dem solche Überlegungen nicht erwünscht waren: „In eine Festschrift passt ein solcher Beitrag, wie Sie ihn ankündigen, sicher nicht so sehr, und deshalb verzichten wir gerne darauf.“ Nachdenken will hier jedenfalls keiner.

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