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300 Jahre Friedrich II. : Porzellan mit Wertaufdruck

Geboren am 24. Januar 1712: Friedrich II. Bild: Kat Menschik

Vor dreihundert Jahren wurde Friedrich der Große geboren. Er wird gefeiert, ausgestellt, beschrieben. Doch je mehr über ihn geredet wird, desto weniger hat er uns zu sagen.

          Er sagt uns nichts mehr, aber es wird endlos über ihn gesprochen. An Friedrich II., der heute vor dreihundert Jahren in Berlin zur Welt kam und schon von seinen Zeitgenossen „der Große“, aber auch „der Einzige“ genannt wurde, zeigen sich die Merkwürdigkeiten unserer Art und Weise zu gedenken. Die Nachwelt begeht runde Jahrestage unbekümmert darum, ob sich im Gedenken an die Jubilare selbst etwas rundet. Es hat etwas Routiniertes und zielt ganz auf die Massenmedien, wenn pünktlich Biographien erscheinen - diese meistens sogar ein Jahr zuvor, damit man ja nicht herauskommt, wenn schon niemand mehr etwas davon hören mag - und Ausstellungen stattfinden.

          All das findet nicht statt, weil es einen bedeutungsvollen Zusammenhang jener Epoche oder gar jenes Individuums zur Gegenwart gäbe, sondern gerade umgekehrt: weil es ihn nicht gibt. Historie ist hierin eine Kalenderwissenschaft.

          Tatsächlich hat die Geschichtsschreibung an Friedrich dem Großen in den vergangenen drei Jahrzehnten aber auch diesseits von Jahrestagen ihren Dienst getan, und fast möchte man sagen: Sie hat ihn abgeschlossen. Seit Johannes Kunischs Forschungen über die Kabinettspolitik Friedrichs von 1978 und Theodor Schieders „Königtum der Widersprüche“ von 1983 verging kaum ein Jahr, in dem nicht eine namhafte Monographie zu diesem König erschien. Es gibt eine digitale Edition seiner Schriften, Ausgaben seiner Kompositionen, seiner Gedichte und seiner Briefwechsel, es gibt „Kochen wie der Alte Fritz“ und „Führen wie der Alte Fritz“, Bücher über seine Windspiele, seinen Humor, seine Schwestern, Münzen, Schlachten und Bauten, es gibt linguistische Studien über seine Zweisprachigkeit sowie den Nachdruck eines „Lexikon aller Anstössigkeiten und Prahlereyen, welche in denen zu Berlin in funfzehn Bänden erschienenen sogenannten Schriften Friedrichs des Zweyten vorkommen“, und es gibt seit längerem sogar Preußenkrimis, die an seinem Hof spielen. 2011 und 2012 ist dann noch mit erhöhter Frequenz publiziert worden. Folgerichtig kam im vergangenen Jahr sogar ein „Wegweiser durch die Friedrich-Jubiläumsliteratur“ heraus.

          Anträge auf Erbschaft

          Doch wie weit liegt die Zeit zurück, in der Rudolf Augstein 1968 mit „Preußens Friedrich und die Deutschen“ lange Linien vom „Hanswurst im Furchtbaren“ und „aufgeklärten Sadisten“, wie er ihn später nannte, zu Bismarck, Tirpitz, Hitler und seiner preußischen Generalität zog? Wie weit die achtziger Jahre, als die DDR meinte, durch Feierlichkeiten, Filme und Restaurationen - der Gendarmenmarkt, der Dom - sich eines „Erbes“ versichern zu können, das Preußen, wie zuvor „Luther“, für sie darstellen sollte?

          Viel später kam dann noch der schon etwas ironische Versuch, einem dermaleinst zu vereinenden Bundesland Brandenburg-Berlin den Namen „Preußen“ zu geben; mit erwartbaren Reflexen der Zustimmung wie Ablehnung sowie bedenklichen Gesichtern. Und es kam die Kampagne für das Stadtschloss, die preußisch gestimmt war, jetzt aber auf eine Nachempfindung mit völkerkundlichem Inhalt hinausläuft.

          Jedem sein Friedrich-Bild, auf Wunsch auch mit Wertaufdruck

          Preußen hat sich in Porzellan mit Wertaufdruck („preußische Tugenden“) verwandelt. Das ist mehr als der triviale historische Befund, nichts währe ewig. Reinhart Koselleck hat 1984 in einem bedeutenden Aufsatz unterstrichen, dass von allen Großmächten des europäischen Staatensystems nur Preußen seinen Abstieg nicht überlebt hat („Lernen aus Preußens Geschichte?“, in: ders., „Vom Sinn und Unsinn der Geschichte“, Berlin 2010). Gerade das scheint die Bedingung für die vielen Rückprojektionen und Anträge auf Erbschaft zu sein. Man kann sich ewig darüber streiten, ob Preußen in einer Kanonenkugel ausgebrütet worden ist, wie Mirabeau gesagt haben soll, oder in einem aufgeklärten Kopf, ob an ihm die rationale Verwaltung oder die Verwüstung, die Universitäten oder der Kadavergehorsam, der Rechtsstaat oder die Menschenverachtung zu akzentuieren sind.

          Eine virtuelle Erinnerungslandschaft

          Vernunft oder Gewalt - tatsächlich waren das seit jeher zwei Deutungen desselben Umstands: dass ein Staat gewissermaßen von oben zusammengehalten wurde. Es gibt keine preußische Sprache, kein preußisches Volk, keine preußische Kunst, nicht einmal eine gemeinsame Religion aller Preußen einst unterworfenen „Subjecte“. Der Witz mit der „preußischen Küche“ hat hier seinen Ort. Die Behauptung Oswald Spenglers von 1919, Preußentum und Sozialismus seien dasselbe, war eine Variante auf die Begeisterung durch politische Konstruktionen. Preußen, so Koselleck, war ein elitärer Begriff, der außerhalb des Adels, der Offiziersränge und jener Bildungsschichten, die zu ihnen hinschauten, keine Resonanz fand.

          Alle drei Gruppen haben sich längst aufgelöst, die Vorstellung einer integrierten Elite ist darum selbst sentimental geworden, auch wenn es genug Gründe gibt, sich so etwas nicht zurückzuwünschen. Preußen, so der australische Historiker Christopher Clark, sei heute eine virtuelle, eine touristische, von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten schön hergerichtete Erinnerungslandschaft. Museen, Parks, die Königin Luise, Flötenkonzerte, Schlösser als Tugendherbergen.

          Der Name der anderen Stiftung, „Preußischer Kulturbesitz“, sagt dazu alles: ja, es ist Kulturbesitz. Man kann in ihm die eindrucksvollste Manifestation jener Theorie der Geisteswissenschaften erkennen, die ihnen die Aufgabe zuweist, den Alltag der Industriegesellschaft zu kompensieren. Von dieser Geschichte jedenfalls ist ein Ausflugsziel übrig geblieben, ein mal mehr aufklärendes, mal mehr ehrfurchtgebietendes, oft auch quälendes, aber stets doch nur ein Ausflugsziel.

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