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30 vor 40 - Anleitung zum Erwachsensein : 7. Kann ich loslassen?

  • -Aktualisiert am

Bild: Carsten Feig

Das halbe Leben hat man Zeit, 40 zu werden. Jetzt bleiben plötzlich nur noch ein Jahr - und 30 offene Fragen. Marcus Jauer findet in seiner Kolumne noch 23 Mal eine Antwort.

          Letzte Woche wurde mir mein Fahrrad geklaut. Es handelte sich um ein fast vierzig Jahre altes Rennrad der Firma Condor, die gibt es heute gar nicht mehr. Das Rad war hellblau und elegant, den Lenker hatte ich mit weißem Band umwickelt. Ich mochte es sehr. Als ich den Schaden der Versicherung meldete, wollte sie nur für den neuen Kindersitz aufkommen, der zusammen mit dem Rad geklaut worden war. Der Rest war nichts mehr wert.

          Das Rad ist kein Erbstück oder so. Ich habe es vor ein paar Jahren für hundert Euro auf ebay ersteigert. Damals war ich Single, trug einen Vollbart und fand, ein gebrauchtes Rennrad passt zu mir. Erst später fiel mir auf, dass zu der Zeit fast alle alleinstehenden jungen Männer Vollbart trugen und auf gebrauchten Rennrädern durch Berlin fuhren. Da will man es immer anders machen als alle anderen, bis man merkt, man macht es doch nur wie alle anderen auch.

          Natürlich muss ich niemandem erzählen, dass ein Rennrad in der Stadt gewisse Nachteile hat. Der Sattel ist bretthart, die Bremsen sind butterweich, man spürt jedes Loch und jede Kante. Solange ich Single blieb, war das einfach nur ungemütlich. Seit ich Vater bin, wurde es lebensgefährlich. Immer war ich kurz davor, beim Absteigen mit dem Fuß an der Lehne des Kindersitzes oder am Kopf des Kindes hängen zu bleiben. Warf sich mein Sohn hinten zur Seite, um nach etwas zu greifen, das er während der Fahrt gesehen hatte, verdrehte es mir vorn den Lenker.

          Im Grunde hätte ich mir sofort ein Cityherrenrad kaufen müssen. Mit Schutzblech, Seitenständer, ordentlichen Bremsen und einer Gangschaltung, für die man die Hände nicht vom Lenker nehmen muss. So ein vernünftiges Cityherrenrad wie es heute alle jungen Väter in der Stadt fahren. Ich wollte aber nicht fahren, was alle fahren. Ich wollte fahren, was niemand fuhr. Und für ein paar Monate war ich auf einmal auch ganz vorn dabei. Denn niemand fuhr ein gebrauchtes Rennrad mit Kindersitz. Aber gut, jetzt fährt es ja jemand anders.

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