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30 vor 40 - Anleitung zum Erwachsensein : 2. Hab ich schon genug gekämpft?

  • -Aktualisiert am

Bild: Carsten Feig

Das halbe Leben hat man Zeit, 40 zu werden. Jetzt bleiben plötzlich nur noch ein Jahr – und 30 offene Fragen. Marcus Jauer findet in seiner Kolumne nun noch 29 Mal eine Antwort.

          Gestern habe ich mich zum Paintball angemeldet. Das ist dieses Spiel, bei dem man sich gegenseitig aus Druckluftwaffen mit Farbkugeln beschießt. Ich wollte das immer schon machen, hielt es aber für strafbar, bis ich im Internet einen Verein in Brandenburg entdeckte. Die Leute trainieren da auf einem alten Raketenabschlussplatz. Auf einem Bild waren fünfzig Männer mit Gesichtsmaske zu sehen, die im Wald aufeinanderzustürmen, während an den Baumstämmen neben ihnen Farbkugeln zerplatzen. In drei Wochen werde ich einer von ihnen sein.

          Auf den Kampf reagiere ich immer mit fröhlichem Herzklopfen. Das kenne ich noch aus der Schule. Bei uns ging es damals viel ums Kämpfen. Die Arbeiter kämpften gegen die Ausbeuter, die Kommunisten gegen die Faschisten, die Sowjetunion kämpfte gegen Amerika. Unsere Eltern kämpften um den Fünf-Jahr-Plan und wir Kinder um Medaillen bei der Spartakiade. Wir hatten immer einen Gegner, bis die Mauer fiel und der ganz große Kampf verlorenging. Als ich danach zum ersten Mal meine Verwandten im Westen besuchte, fragte ich tatsächlich, ob sie sich nun freuen, gewonnen zu haben. So hatten sie das noch gar nicht gesehen.

          In den Jahren danach hatte ich zwar immer noch Phasen, in denen ich gegen etwas kämpfte, gegen die Zeit, gegen die Welt, gegen die Anderen und meine Angst, so zu werden wie sie, aber von jetzt aus gesehen, kämpfte ich da vor allem gegen mich selbst. Ich bin froh, dass das vorbei ist. Aber ich beneide meinen Sohn, wenn er mit seinem Freund in den Wald geht, sie nebeneinander den Hang hinaufrennen, er sich umsieht, den Arm nach vorn wirft und ruft: „Mir nach Männer!“ So als seien da hunderte hinter ihm.

          Im Moment ruht der Kampf in meinem Leben. Im Straßenverkehr ist er mir verboten, in einem Artikel finde ich ihn lächerlich, und im Alltag macht der Drang, sich mit jedem anlegen zu müssen, einen nur dumm im Kopf. Ich sehe immer gern Filme, in denen die Leute mit Schwertern und Fäusten aufeinander losgehen, aber ich weiß nicht, wohin mit dem Gefühl, das dann in mir geweckt wird. Als Kind dachte ich, Kämpfen sei männlich. Als Mann habe ich gelernt, gelassen zu sein, weil man damit letztlich weiter kommt. Es ist eben nur so, dass es für den Kampf in meinem Leben keinen Platz mehr zu geben scheint. Außer in Brandenburg.

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