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3. Das Begehren : Wasserstraßenkampf auf der Spree

  • -Aktualisiert am

An einem sonnigen Julitag auf der Spree: Schlauchboote vor Investorenkahn Bild: ddp

Von einem Ausflugskahn aus sollten sich die Investoren die geplanten Bauprojekte namens „Mediaspree“ schon einmal vorstellen dürfen. Allein: Die „Spree Comtess“ schaffte es nicht zum Bauplatz.

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          Am Dienstag, dem 1. Juli - in Berlin war das ein warmer, sonniger Tag - zeigte sich, dass die Kreuzberger Linke nicht nur Straßenkampf kann, sie kann sogar Wasserstraßenkampf. Die „Spree Comtess“ kam einfach nicht durch. Der Ausflugskahn hatte Investoren geladen, ein paar Leute vom Senat waren wohl auch dabei, und es sollten gewissermaßen die Bauprojekte schon mal begutachtet werden, die unter dem Namen „Mediaspree“ erst noch errichtet werden sollen.

          Aber kurz hinter der Jannowitzbrücke bildeten vielleicht zweihundert Anhänger der Iniative „Mediaspree versenken!“ in Schlauchbooten und Schlauchbootinnen eine Wasserstraßensperre, und siehe: Die „Spree Comtess“ musste unter großem Gejohle den Rückwärtsgang einlegen. Christian Ströbele hatte auch seinen Spaß; und am Ufer, in der weltberühmten „Bar 25“, weiteten sich bei denjenigen, die dort schon seit dem Freitagabend feierten, noch einmal beträchtlich die Pupillen: Ja, es hatte schon etwas von kleinem gallischen Dorf.

          Krachend undemokratisch, aura-fixiert und elitär

          Die Initiative hat es immerhin bis zu einem offiziellen Bürgerentscheid gebracht: 182.592 Friedrichshainer und Kreuzberger dürfen an diesem Sonntag abstimmen, ob sie da, wo die Spree früher mit dem Mauerstreifen zusammenfiel, Bürobauten haben wollen oder die „Spree für alle“. Das klingt irrsinnig jakobinisch, aber eigentlich ist es eher eine Frage der Ästhetik. Denn mit der „Spree für alle“ ist das auch im Moment so eine Sache.

          Gegenwärtig werden die Grundstücke auf dem ehemaligen Todesstreifen von Strand-Bars, wo die Taschen der Gäste auf mitgebrachte Getränke kontrolliert werden, und Open-Air-Clubs zwischengenutzt, die, wie eben die weltberühmte „Bar 25“, für Berlin in etwa das darstellen, was für Indien Goa ist, eine Hippiekommune und ein endloser Euphorieexzess. Und dieses in den helllichten Tag hinein verlängerte Nachtleben ist natürlich so krachend undemokratisch, aura-fixiert und elitär, dass, wer als zu uncool abgewiesen wird, nur noch nach Hause schleichen (und eventuell eine bitterliche Magisterarbeit über das Thema „Nur für Freunde: exkluierende Türpolitiken im Berlin der Nachwendezeit“ beginnen) kann.

          Aber die „Spree Comtess“ kam nicht zurück

          Die einzige Stelle, wo hier auch ein, sagen wir mal: 52 Jahre alter Passat-Fahrer mit Kurzarmhemd und Stirnglatze aus Dortmund wirklich frei und schamlos an die Spree darf, ist ausgerechnet ein Uferstück, das zur sogenannten O2-Arena der Anschutz-Gruppe gehört. Dort ist es dann allerdings auch so lauschig wie auf dem Kundenparkplatz einer Neubau-Sparkasse. Wenn man diese planierte Ödnis sieht und wenn man sich anschaut, was aus dem Geist der größenwahnsinnigen Berlin-Wachstumserwartungen der frühen Neunziger dort noch so geplant ist an Hochhäusern und an Büroleerstand, in dem sich vielleicht ein paar letzte Klingeltonanbieter verlieren werden; wenn man sich also klarmacht, dass so die Zukunft aussieht, dann möchte man dieses bröckelnde Berliner Baubrachen-Raver-Präsens, das ja, gerade an solchen Orten, immer auch ein Triumphtanz auf den Trümmern des historischen Horrors ist, direkt unter Denkmalschutz stellen. Man möchte diesen Projektentwicklern mit Holzmodellen ihrer dummen Kisten solange auf den Kopf klopfen, bis sie begriffen haben, dass es nicht unbedingt der Potsdamer Platz mit seinem „Maredo“-Steakhaus ist, der Berlin im Ausland den Donnerruf der Hipness eingebracht hat.

          Wir standen an dem Tag noch eine ganze Weile da an den Brücken über der Spree. Schon um zu sehen, ob die „Spree Comtess“ nur einen neuen Anlauf nahm, um dann brachial durchzubrechen in die Zukunft des Medienstandorts oder zumindest bis zur Oberbaumbrücke. Aber sie kam nicht wieder. Und irgendwie schien das ein gutes Zeichen zu sein. Vielleicht hat der Bürgerentscheid ja Erfolg: fünfzig Meter links und rechts vom Fluss einfach mal Platz und die Leute feiern lassen. Im Prinzip wie bei den Elbwiesen von Dresden. Vielleicht wird Berlin also sogar noch schön.

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