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Gender-Debatte : Reifezeugnis?

  • -Aktualisiert am

Die Zeiten eindeutiger Piktogramme sind vorbei. Bild: dpa

In Großbritannien geht der politische Genderwahn um. Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Kinderkommission, haben Elf- bis Vierzehnjährige die Möglichkeit erhalten, zwischen fünfundzwanzig Geschlechtszugehörigkeiten zu wählen.

          Der Titel von Caryl Churchills soeben am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführtem Stück, „Escaped Alone“, bezieht sich auf die alttestamentliche Geschichte des durch eine Reihe von Katastrophen auf den Prüfstand gestellten Hiob. Eine Figur schildert eine perverse Dystopie, die infolge eines von Vorständen bezahlten Naturdesasters eintritt. Wie auf einem futuristischen Brueghelschen Höllenbild wird die Menschheit von sintflutartigem Regen, apokalyptischen Feuerstürmen, menschenfressenden Ratten, missgebildeten Kindern, seltsamen Umwelterscheinungen, wuchernden Krebskrankheiten und Hungersnot heimgesucht.

          Einige der satirisch überzogenen Beschreibungen beziehen sich auf unsere Gegenwart: Es ist von verkohlten Stummeln die Rede, die für die Kunst ausgeschlachtet werden, von mutierenden Viren, von Städten, die kranken Füchsen überlassen werden, von Gasmasken, die der Gesundheitsdienst nach drei Monaten Wartezeit verteilt, während sie für Privatpatienten in verschiedenen Farben erhältlich sind, und anderen Absonderlichkeiten. An einer Stelle spielt die Autorin mit der Vorstellung, dass Gläubige einen Brand als Strafe für Geschlechtsidentitätsstörungen sehen, auf die jüngste Front in unseren Kulturkriegen an. So weit hätte ihre Phantasie gar nicht gehen müssen, um ein Beispiel für den politisierten Genderwahn zu finden.

          Eine Schule hat gerade verfügt, dass die Kinder, gleich welchen Geschlechts, Mädchen- oder Jungenuniform tragen dürfen, damit sich Transgender-Kinder nicht benachteiligt fühlen. Jetzt hat das Modethema in einer Studie der dem britischen Bildungsministerium angegliederten Kinderkommission über die Gendererfahrungen von Minderjährigen einen neuen Höhepunkt der Absurdität erreicht: Im Rahmen des Forschungsprojekts, das sich laut der Ausschreibung besonders mit Elf- bis Vierzehnjährigen befassen soll, haben einige Sekundarschulen ein Umfrageformular erhalten, auf dem Kinder zwischen fünfundzwanzig Optionen wählen können, um ihre Geschlechtszugehörigkeit zu beschreiben. Die Begriffe reichen von „Junge“, „Mädchen“, „Wildfang“, „Transmädchen“, „Transjunge“ über „androgyn“, „genderfluid“, „Halbjunge“, „Halbmädchen“ bis hin zu „Bi-Gender“, „Tri-Gender“, „alle Gender“, „Intersex“, „nicht sicher“ und „sage ich lieber nicht“.

          Die Kinderkommission stützt sich auf den Artikel der Kinderkonvention der Vereinten Nationen, der dem Kind, das fähig ist, seine eigene Meinung zu bilden, das Recht zusichert, „diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern“, und dass „die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife“ berücksichtigt wird. Entspricht es jedoch dem Alter und der Reife der Befragten, sie mit einem derartigen Wirrwarr der Begriffe zu konfrontieren und ihnen zu suggerieren, dass Gender eine Frage des Lebensstils ist? Die Absicht, die kleine Minderheit von Kindern zu schützen, die unter Geschlechtsidentitätsstörungen leiden, ist zu begrüßen; die Methoden klingen wie Hiobsbotschaften aus einer dystopischen Welt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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