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25 Jahre Mauerfall : Wäre Biermann doch Präsident geworden

In dieser Woche besser als Gauck: Wolf Biermann mit Norbert Lammert im Bundestag Bild: dpa

Wolf Biermanns Auftritt vor dem Bundestag und die Regierungsbildung in Thüringen haben gezeigt: Wir haben die DDR aus der Geschichte gelöscht, deshalb werden wir ihre Schatten und Gespenster nicht los.

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          Es gibt Momente in diesen Tagen, da möchte man nicht glauben, dass 25 Jahre vergangen sind, seitdem die Mauer überwunden wurde, 24 Jahre, seitdem der Staat, der diese Mauer gebaut hatte, erloschen ist - die Zeitspanne also, die, zum Beispiel, zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Mondlandung liegt; die Zeit, die verging vom Beginn der Französischen Revolution bis zur Absetzung Napoleons, der in diesen Jahren den größten Teil Europas erobert, komplett umgekrempelt und dann doch wieder verloren hatte.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber die deutsche Gegenwart sieht so aus, als ob die Vergangenheit nicht nur nicht tot wäre; sie scheint noch nicht einmal vergangen zu sein: Die Schatten und die bösen Geister der DDR schleichen durch die Debatten und Diskurse, und manchmal fühlt man sich erinnert an den Spruch, mit dem George A. Romero einst das Wesen der Zombies erläuterte: Wenn in den Erinnerungen, im Gedenken und in der Geschichte kein Platz dafür ist, kehren die untoten Ideen in die Gegenwart zurück.

          Vom Kontext will keiner etwas wissen

          So war das an diesem Freitag, als Wolf Biermann, der sich doch als Sieger der Geschichte fühlen dürfte, vor dem Bundestag singen sollte. Gesungen hat er auch, aber davor hat er geredet, geschimpft, gespottet. Und dabei vor aller Augen demonstriert, dass ihm sein Zorn auf die Obrigkeit der DDR und auf die, die er für deren Nachfolger hält, noch lange nicht historisch geworden ist. „Ich habe eure Macht zersungen!“, rief er den Abgeordneten der Linken zu – so, als müsste er sich selbst und allen anderen noch heute beweisen, dass die Herrschaft der SED wirklich überwunden ist. Und nicht morgen wiederkommen wird.

          So ist es in diesen Wochen in Thüringen, wo die beiden Parteien, die nichts mit der DDR zu schaffen hatten, die SPD und die Grünen, nur die Wahl haben, entweder einer ehemaligen Blockpartei die Mehrheit zu sichern. Oder gleich der Nachfolgepartei der SED. Und wo jeder, der die DDR noch als Erwachsener erlebt hat, gerne glaubt, dass die eigene Vergangenheit vergangen ist. Die der anderen aber nicht. Und so streiten sie sich über das Wörtchen Unrechtsstaat, als ob nur mit einer absolut feuerfesten Definition dieses Begriffs das Recht der Gegenwart gesichert wäre.

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          Es ist, als ob die Schatten und die bösen Geister vor allem deshalb nicht verschwinden wollen: Weil die DDR so schnell und klanglos verschwunden ist. Damals, knapp ein Jahr nach dem Mauerfall, ist die sogenannte Deutsche Demokratische Republik nämlich nicht nur der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Sie ist auch deren Geschichte beigetreten. Sie hat nicht nur die Rechtsordnung der Bundesrepublik übernommen. Sondern auch deren Herkunft, Tradition und Erinnerung. Und all das, was ihre eigene Geschichte hätte werden können, hat sie ausgelöscht oder weggeschoben, ins Reich der Mythen und der privaten Anekdoten. In die Regale der Souvenirläden, wo die Ampelmännchen, die Gurken, die Briefbeschwerer in Fernsehturmform nur deutlich davon zeugen, dass vom Kontext keiner etwas wissen will.

          Das hätte der Palast der Republik bezeugen können

          Wie dieser Geschichtsübertritt funktioniert, das konnte man besonders gut ums Jahr 2000 herum beobachten, als Angela Merkel gerade zur Vorsitzenden der CDU gewählt worden war. Wenn sie, was sie damals oft tun musste, weil die Partei geschwächt war und die anderen regierten, wenn sie die Größe, den Stolz und die Tradition ihrer Partei beschwor, das Rückgrat Adenauers, die Klugheit Erhards, das historische Glück des Helmut Kohl, dann klang sie immer so, als hätte sie schon als Kind ein Adenauerbildchen über ihr Bett gehängt, und 1972, als sie volljährig wurde, hätte sie den Kanzlerkandidaten Rainer Barzel gewählt. Von ihrer Jugend in der DDR, in der es doch sehr gute Gründe gab, sich nach der Freiheit und einer christlich-demokratischen Partei zu sehnen, sprach sie nicht. Es gab dort ja die klägliche Ost-CDU, die in der gesamtdeutschen Union dann aufging wie die DDR in der Bundesrepublik.

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          Wie die Auslöschung der Geschichte aussieht, offenbart sich bei jedem Spaziergang durch eine ostdeutsche Ortschaft, und besonders anschaulich wird es im Osten Berlins. Niemand will die Herrschaft der Monarchen, der Aristokraten oder des Klerus wiederhaben. Aber die Schlösser und die Kathedralen erhalten und pflegen wir aus gutem Grund: Weil sie davon zeugen, woher wir kommen. Und was wir überwunden haben. Dass es den Sozialismus gab; und dass die Bürger der DDR ihn überwunden haben: Das hätte der Palast der Republik bezeugen können, das könnte man sich sehr viel besser vorstellen, wenn nicht fast alles, was die DDR einst baute, inzwischen verschwunden wäre. Dass es, rund um den Alexanderplatz und die ehemalige Stalinallee, doch noch ein paar Bauten gibt, die, einerseits, von den Glücksversprechen des Sozialismus künden und, andererseits, davon, dass diese Versprechen niemals eingehalten wurden: Das liegt nicht am Geschichtsbewusstsein der heutigen Obrigkeit. Es liegt nur daran, dass kein Geld da ist, die ganze sozialistische Moderne abzureißen und den pompösen Neogründerzeitstil der Berliner Republik an deren Stelle zu setzen. Und die Plattenbauten der östlichen Peripherien sind ihren westlichen Pendants zu ähnlich, als dass man ihnen ihre sozialistische Vergangenheit ansehen könnte. Bald wird der ganze deutsche Osten so aussehen, als hätte es niemals ein Phänomen namens DDR gegeben.

          Dauernd hat der Westen dazwischengequatscht

          Dass dieses andere, das östliche Deutschland so schnell verschwunden ist, lag natürlich daran, dass es das westliche Deutschland immer gab (dass es recht eigentlich drei deutsche Staaten gegeben habe, die Bundesrepublik, die DDR und Österreich, das wusste zuletzt nur noch Bruno Kreisky, der aber 1990 starb). Wenn die Tschechen oder Polen die Nase voll vom Sozialismus hatten, blieb ihnen nur die Wahl, ins Exil zu gehen. Den Deutschen aus der DDR stand aber eine andere Möglichkeit, Deutsche zu sein, immer vor Augen. Und wenn Westfernsehen und Deutsche Mark das Ende des Sozialismus nicht ausgelöst haben, dann haben sie zumindest den Sog, der die Mauer schließlich überwand, beschleunigt und verstärkt.

          Als die Obrigkeit aber gestürzt war, waren die Polen immer noch in Polen, die Tschechen und Slowaken in der Tschechoslowakei; es blieb ihnen nichts übrig, als sich miteinander und mit dem, was der Sozialismus ihnen angetan hatte, auseinanderzusetzen. Und zum Zeichen, dass der Umsturz vollzogen war, wählten sie die Helden des Widerstands, Lech Wałęsa und Václav Havel, an die Spitze ihrer Staaten.

          Die Option, Wolf Biermann zum Präsidenten der DDR zu wählen, gab es aber nicht. Die DDR gab es nicht mehr, die ehemalige DDR wählte Helmut Kohl, der blühende Landschaften versprach. Und der, bald nach der Einheit, sagte, dass er nicht wisse, ob er sich, hätte er in der DDR leben müssen, nicht auch den Verhältnissen angepasst hätte. Die Aussage war ehrlich, richtig, mehrheitsfähig. Aber hilfreich war sie nicht. Wenn sich anzupassen die Norm war, dann waren die, die Widerstand geleistet und Gefängnis, Ausbürgerung, Folter riskiert hatten, nur die Außenseiter. Oder eben die Spinner, die viele der Dissidenten ja tatsächlich geworden sind, weil man an diesem Gang der Geschichte nur verrückt werden kann.

          Eine Gesellschaft ist keine Selbsterfahrungsgruppe - und der Umstand, dass damals keine Zeit war, zu klären, wer was war in der DDR, wer was getan und unterlassen hat und wie das zu bewerten wäre, wirft weniger psychologische Probleme auf. Es sind eher moralische Fragen, auf welche man, aus den von Helmut Kohl benannten Gründen, eben keine Antworten aus dem Westen hören mag. Aber das Selbstgespräch des Ostens, diese Klärung der Verhältnisse, ist damals abgebrochen. Erst war der Jubel über die Einheit zu laut, dann kam die Klage über deren Folgen für den Osten. Und dauernd hat der Westen dazwischengequatscht.

          Deshalb ist das Gespräch des Ostens mit dem Westen noch immer so schwierig, stockend, voller Missverständnisse.

          Die DDR ist verschwunden. Wir, Ostler wie Westler, werden noch lange nicht fertig sein mit ihr.

          In dieser Woche besser als Gauck: Wolf Biermann mit Norbert Lammert und Angela Merkel im Berliner Ensemble
          In dieser Woche besser als Gauck: Wolf Biermann mit Norbert Lammert und Angela Merkel im Berliner Ensemble : Bild: dpa

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