https://www.faz.net/-gqz-73un1

25 Jahre Deutsches Historisches Museum : Geschichtsstunde mit europäischem Akzent

Das Deutsche Historische Museum in Berlin wird fünfundzwanzig Jahre alt. Mit Festreden, Podiumsdiskussionen und zwei neuen Kunstausstellungen feiert das Museum im Zeughaus seinen Geburtstag.

          4 Min.

          Museum für Deutsche Geschichte. So hieß die Einrichtung, die bis Oktober 1990 im Berliner Zeughaus Unter den Linden untergebracht war - ein Staatsmuseum der DDR, das über all das verfügte, was Kritiker heute am Deutschen Historischen Museum vermissen: ein klares Geschichtsbild, eine feste Didaktik, einen globalen (damals sagte man „internationalistischen“) Ansatz, dazu Sonderausstellungen wie „Sturmjahr 1848“ und „Lenin und die deutsche Arbeiterbewegung“. Bis es am Tag der Wiedervereinigung abgewickelt wurde.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Daran muss man erinnern, wenn in dieser Woche der fünfundzwanzigste Geburtstag des DHM begangen wird, eines Hauses, das es, wenn es nach dem Willen der Grünen, großer Teile der SPD und zahlreicher westdeutscher Historiker gegangen wäre, nie gegeben hätte - und auf das doch heute niemand mehr verzichten will, selbst jene Linke nicht, die das marxistische Geschichtsbild geerbt hat und nun in der Dauerausstellung im Zeughaus anhand von Wahlplakaten aus der Weimarer Republik, Gemälden des neunzehnten Jahrhunderts und Industrieprodukten der DDR die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung studieren kann.

          Später Weckruf

          Die Feierlichkeiten zum Jubiläum begannen in der vergangenen Woche mit einer Podiumsdiskussion, bei der Franziska Augstein, Thea Dorn, Jürgen Kocka, Harald Welzer und der neue Museumsdirektor Alexander Koch erörterten, ob nationale Geschichte ein „Auslaufmodell“ oder doch eine „Stifterin von Identität“ sei. Es ist die Frage, vor der weltweit jedes historische Museum im Augenblick steht, und so gelang es der Runde auch nur, die Gegensätze zu schärfen, die in ihr angelegt sind: Einerseits will man mehr Sozial- und Geschlechtergeschichte (Kocka) sehen, andererseits mehr Heimat (Welzer) und noch mehr Luther (Dorn). Was folgt daraus?

          Dass das DHM, dessen ständige Ausstellung Koch ab 2018 schrittweise umzugestalten verspricht, auch weiterhin nicht alle Ansprüche bedienen kann und doch vielen gerecht werden muss, dass es ein Puzzle der Geschichtsdeutungen und -modelle, der Bilder und Objekte bleiben muss, wenn es seine ebenso heikle wie reizvolle Position zwischen Staats- und Bürgermuseum behaupten will.

          Diese Position, das wurde bei der Diskussion immerhin deutlich, ist in den letzten Jahren noch heikler geworden. 2008 wurde das Museum in eine Stiftung umgewandelt, die vom Bund, dem Bundestag und den Ländern kontrolliert wird, und schon im folgenden Jahr gab es den ersten sichtbaren Eingriff in seine Arbeit, als eine Tafel in einer Ausstellung über Klischees von Fremden in Deutschland und Frankreich auf Wunsch des Kulturstaatsministers entfernt wurde. Wenn jetzt Jürgen Kocka, der das Museum als Historiker mit aus der Taufe gehoben hat, vor der Einflussnahme der Politik warnt, ist das keine späte Nörgelei, sondern ein Weckruf.

          Wunder Punkt zwanzigstes Jahrhundert

          Mit seinem wachsenden Erfolg und seiner Führungsrolle in der Berliner Museumslandschaft nämlich ist das DHM auch mehr und mehr jener kritischen Aufmerksamkeit entglitten, die seine Gründungsphase begleitet hat. Der Laden brummt, allein im vorletzten Jahr gab es mehr als neunhunderttausend Besucher; da guckt man bei Fehlern im Getriebe nicht so genau hin. Was das heißt, konnte man beim offiziellen Festakt am Dienstag beobachten. Die Kanzlerin, der Kulturstaatsminister, der Vorsitzende des Museumsvereins, sie alle beschworen in mehr (Bernd Neumann) oder minder persönlichen Worten (Angela Merkel) den europäischen Geist und die Erfolgsstory des Hauses.

          Aber nur der Gründungsdirektor Christoph Stölzl sprach aus, was das DHM dringender braucht als Lobreden: Platz. „Mutige Immobilien-Zukäufe“ seien notwendig, damit das zwanzigste Jahrhundert, der wunde Punkt der 2006 eröffneten Dauerausstellung, endlich angemessen gezeigt werden könne. Und vielleicht muss man nicht einmal zukaufen, schließlich gehört das Kronprinzenpalais direkt gegenüber vom Zeughaus ohnehin dem Bund.

          Die Möglichkeiten der Kunst

          Wie viel Platz braucht ein Geschichtsmuseum? Seit neun Jahren besitzt das DHM einen von I. M. Pei entworfenen Erweiterungsbau für Wechselausstellungen, und obwohl der kunterbunte Gesamtentwurf Aldo Rossis von 1987, der noch im Spreebogen realisiert werden sollte, das Doppelte der jetzt vorhandenen 2700 Quadratmeter für denselben Zweck geboten hätte, ist es Peis konisch-verspielter Anbau, der das Museum vor historistischer Biederkeit bewahrt.

          Hier waren viele der Ausstellungen zu sehen, die das von Stölzl begründete Ansehen des DHM unter seinem Nachfolger Ottomeyer bewahrt haben, und hier hat das Museum jetzt auch die beiden Projekte eingerichtet, mit denen es selbst seinen Geburtstag feiert, „Verführung Freiheit“ und „Im Atelier der Geschichte“.

          Es sind zwei ganz verschiedene Schauen, die eine, größere vom Europarat, die andere, kleinere vom DHM finanziert, die eine mit europäischer Nachkriegskunst, die andere mit Gemälden vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart bestückt, die das Museum seit den achtziger Jahren erworben hat. Sie fordern den Vergleich heraus; und sie belohnen ihn. Gerade in ihrer Gegensätzlichkeit erzählen die beiden Ausstellungen mehr über Möglichkeiten und Grenzen des Anspruchs, Geschichte im Medium der Kunst darzustellen, als es jede von ihnen für sich allein könnte.

          Ein Ort für Monaden

          Für „Verführung Freiheit“ haben die Kuratorin Monika Flacke und ihr spiritus rector Horst Bredekamp beinahe alles zusammengetragen, was in der europäischen Nachkriegskunst gut und teuer ist, Giacometti, Bacon, Léger, Kounellis, Richter, Vedova, Gursky, Kabakov und andere mehr. Und sie haben Stichworte gefunden, unter denen sie diese Pracht ordnen, „Gerichtshof der Vernunft“ etwa oder „Bedrängnis der Freiheit“ und „Die Welt im Kopf“. Es ist nur so, dass diese Begriffe (und die knappen Erläuterungen zu den einzelnen Werken) weder zum historischen noch zum ästhetischen Verständnis des Gezeigten wirklich beitragen.

          Am Ende nimmt man doch vor allem Stile und Formen wahr, einen blutenden Frauenkopf von Magritte, ein ergreifendes Porträt von Maria Lassnig oder draußen in der Eingangshalle einen Christo-Turm aus verpackten Ölfässern. Um diesen Monaden einen Ort im geschichtlichen Kontinuum zu geben, müsste man vom Kalten Krieg sprechen, vom Atomzeitalter, der Frauenbewegung, dem Zusammenbruch des Kommunismus und so fort. Die Ausstellung lässt nur die Kunst reden. Deshalb bleibt sie, bei aller Lautstärke ihrer Exponate, im Grunde stumm.

          Ganz anders die gut hundert Gemälde, die in der „Atelier“-Ausstellung versammelt sind. Hier gibt es fast nur Klein- und Kleinstmeister zu sehen, auch wenn die Originale von Tischbein und Hutin heute sicher ein Vielfaches ihres einstigen Kaufpreises brächten. Aber eben weil sich kein Geniekult vor die Betrachtung der Bilder schiebt, beginnen sie direkt zu erzählen: von Kleider- und Tischsitten, Bädern, Frisuren, Geburten und Gemetzeln, Königen und Hungerleidern, Freizeitvergnügungen, Predigten, Schulstunden und Streiks. Ein Geschichtsmuseum, heißt es oft mahnend, sei ein Hort des Nationalstolzes, ein Patriotentreff. Das stimmt nicht. Ein Geschichtsmuseum erzählt vor allem Geschichten. So wie hier.

          Weitere Themen

          Mensch bleiben im Grauen

          Zeitzeuge Michael Wieck : Mensch bleiben im Grauen

          Der Geiger und Autor Michael Wieck hat als „Geltungsjude“ den nationalsozialistischen und stalinistischen Terror in Königsberg überlebt. Sein Buch über den Untergang der Stadt gehört zu den wichtigsten Werken der Zeitzeugen-Literatur. Jetzt ist er mit 92 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Heckflosse eines Lufthansa-Cargo-Flugzeugs

          Nach Milliardenverlust : Lufthansa fliegt in schwere Zeiten

          Aus der Flaute in den Sturm – das steht dem Flugkonzern bevor. 2020 endete mit einem Milliarden-Verlust, 2021 soll Urlaubslust für Auftrieb sorgen. Doch es drohen Überkapazitäten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.