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25 Jahre Deutsches Historisches Museum : Geschichtsstunde mit europäischem Akzent

Das Deutsche Historische Museum in Berlin wird fünfundzwanzig Jahre alt. Mit Festreden, Podiumsdiskussionen und zwei neuen Kunstausstellungen feiert das Museum im Zeughaus seinen Geburtstag.

          4 Min.

          Museum für Deutsche Geschichte. So hieß die Einrichtung, die bis Oktober 1990 im Berliner Zeughaus Unter den Linden untergebracht war - ein Staatsmuseum der DDR, das über all das verfügte, was Kritiker heute am Deutschen Historischen Museum vermissen: ein klares Geschichtsbild, eine feste Didaktik, einen globalen (damals sagte man „internationalistischen“) Ansatz, dazu Sonderausstellungen wie „Sturmjahr 1848“ und „Lenin und die deutsche Arbeiterbewegung“. Bis es am Tag der Wiedervereinigung abgewickelt wurde.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Daran muss man erinnern, wenn in dieser Woche der fünfundzwanzigste Geburtstag des DHM begangen wird, eines Hauses, das es, wenn es nach dem Willen der Grünen, großer Teile der SPD und zahlreicher westdeutscher Historiker gegangen wäre, nie gegeben hätte - und auf das doch heute niemand mehr verzichten will, selbst jene Linke nicht, die das marxistische Geschichtsbild geerbt hat und nun in der Dauerausstellung im Zeughaus anhand von Wahlplakaten aus der Weimarer Republik, Gemälden des neunzehnten Jahrhunderts und Industrieprodukten der DDR die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung studieren kann.

          Später Weckruf

          Die Feierlichkeiten zum Jubiläum begannen in der vergangenen Woche mit einer Podiumsdiskussion, bei der Franziska Augstein, Thea Dorn, Jürgen Kocka, Harald Welzer und der neue Museumsdirektor Alexander Koch erörterten, ob nationale Geschichte ein „Auslaufmodell“ oder doch eine „Stifterin von Identität“ sei. Es ist die Frage, vor der weltweit jedes historische Museum im Augenblick steht, und so gelang es der Runde auch nur, die Gegensätze zu schärfen, die in ihr angelegt sind: Einerseits will man mehr Sozial- und Geschlechtergeschichte (Kocka) sehen, andererseits mehr Heimat (Welzer) und noch mehr Luther (Dorn). Was folgt daraus?

          Dass das DHM, dessen ständige Ausstellung Koch ab 2018 schrittweise umzugestalten verspricht, auch weiterhin nicht alle Ansprüche bedienen kann und doch vielen gerecht werden muss, dass es ein Puzzle der Geschichtsdeutungen und -modelle, der Bilder und Objekte bleiben muss, wenn es seine ebenso heikle wie reizvolle Position zwischen Staats- und Bürgermuseum behaupten will.

          Diese Position, das wurde bei der Diskussion immerhin deutlich, ist in den letzten Jahren noch heikler geworden. 2008 wurde das Museum in eine Stiftung umgewandelt, die vom Bund, dem Bundestag und den Ländern kontrolliert wird, und schon im folgenden Jahr gab es den ersten sichtbaren Eingriff in seine Arbeit, als eine Tafel in einer Ausstellung über Klischees von Fremden in Deutschland und Frankreich auf Wunsch des Kulturstaatsministers entfernt wurde. Wenn jetzt Jürgen Kocka, der das Museum als Historiker mit aus der Taufe gehoben hat, vor der Einflussnahme der Politik warnt, ist das keine späte Nörgelei, sondern ein Weckruf.

          Wunder Punkt zwanzigstes Jahrhundert

          Mit seinem wachsenden Erfolg und seiner Führungsrolle in der Berliner Museumslandschaft nämlich ist das DHM auch mehr und mehr jener kritischen Aufmerksamkeit entglitten, die seine Gründungsphase begleitet hat. Der Laden brummt, allein im vorletzten Jahr gab es mehr als neunhunderttausend Besucher; da guckt man bei Fehlern im Getriebe nicht so genau hin. Was das heißt, konnte man beim offiziellen Festakt am Dienstag beobachten. Die Kanzlerin, der Kulturstaatsminister, der Vorsitzende des Museumsvereins, sie alle beschworen in mehr (Bernd Neumann) oder minder persönlichen Worten (Angela Merkel) den europäischen Geist und die Erfolgsstory des Hauses.

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