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25 Jahre Deutsches Historisches Museum : Geschichtsstunde mit europäischem Akzent

Aber nur der Gründungsdirektor Christoph Stölzl sprach aus, was das DHM dringender braucht als Lobreden: Platz. „Mutige Immobilien-Zukäufe“ seien notwendig, damit das zwanzigste Jahrhundert, der wunde Punkt der 2006 eröffneten Dauerausstellung, endlich angemessen gezeigt werden könne. Und vielleicht muss man nicht einmal zukaufen, schließlich gehört das Kronprinzenpalais direkt gegenüber vom Zeughaus ohnehin dem Bund.

Die Möglichkeiten der Kunst

Wie viel Platz braucht ein Geschichtsmuseum? Seit neun Jahren besitzt das DHM einen von I. M. Pei entworfenen Erweiterungsbau für Wechselausstellungen, und obwohl der kunterbunte Gesamtentwurf Aldo Rossis von 1987, der noch im Spreebogen realisiert werden sollte, das Doppelte der jetzt vorhandenen 2700 Quadratmeter für denselben Zweck geboten hätte, ist es Peis konisch-verspielter Anbau, der das Museum vor historistischer Biederkeit bewahrt.

Hier waren viele der Ausstellungen zu sehen, die das von Stölzl begründete Ansehen des DHM unter seinem Nachfolger Ottomeyer bewahrt haben, und hier hat das Museum jetzt auch die beiden Projekte eingerichtet, mit denen es selbst seinen Geburtstag feiert, „Verführung Freiheit“ und „Im Atelier der Geschichte“.

Es sind zwei ganz verschiedene Schauen, die eine, größere vom Europarat, die andere, kleinere vom DHM finanziert, die eine mit europäischer Nachkriegskunst, die andere mit Gemälden vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart bestückt, die das Museum seit den achtziger Jahren erworben hat. Sie fordern den Vergleich heraus; und sie belohnen ihn. Gerade in ihrer Gegensätzlichkeit erzählen die beiden Ausstellungen mehr über Möglichkeiten und Grenzen des Anspruchs, Geschichte im Medium der Kunst darzustellen, als es jede von ihnen für sich allein könnte.

Ein Ort für Monaden

Für „Verführung Freiheit“ haben die Kuratorin Monika Flacke und ihr spiritus rector Horst Bredekamp beinahe alles zusammengetragen, was in der europäischen Nachkriegskunst gut und teuer ist, Giacometti, Bacon, Léger, Kounellis, Richter, Vedova, Gursky, Kabakov und andere mehr. Und sie haben Stichworte gefunden, unter denen sie diese Pracht ordnen, „Gerichtshof der Vernunft“ etwa oder „Bedrängnis der Freiheit“ und „Die Welt im Kopf“. Es ist nur so, dass diese Begriffe (und die knappen Erläuterungen zu den einzelnen Werken) weder zum historischen noch zum ästhetischen Verständnis des Gezeigten wirklich beitragen.

Am Ende nimmt man doch vor allem Stile und Formen wahr, einen blutenden Frauenkopf von Magritte, ein ergreifendes Porträt von Maria Lassnig oder draußen in der Eingangshalle einen Christo-Turm aus verpackten Ölfässern. Um diesen Monaden einen Ort im geschichtlichen Kontinuum zu geben, müsste man vom Kalten Krieg sprechen, vom Atomzeitalter, der Frauenbewegung, dem Zusammenbruch des Kommunismus und so fort. Die Ausstellung lässt nur die Kunst reden. Deshalb bleibt sie, bei aller Lautstärke ihrer Exponate, im Grunde stumm.

Ganz anders die gut hundert Gemälde, die in der „Atelier“-Ausstellung versammelt sind. Hier gibt es fast nur Klein- und Kleinstmeister zu sehen, auch wenn die Originale von Tischbein und Hutin heute sicher ein Vielfaches ihres einstigen Kaufpreises brächten. Aber eben weil sich kein Geniekult vor die Betrachtung der Bilder schiebt, beginnen sie direkt zu erzählen: von Kleider- und Tischsitten, Bädern, Frisuren, Geburten und Gemetzeln, Königen und Hungerleidern, Freizeitvergnügungen, Predigten, Schulstunden und Streiks. Ein Geschichtsmuseum, heißt es oft mahnend, sei ein Hort des Nationalstolzes, ein Patriotentreff. Das stimmt nicht. Ein Geschichtsmuseum erzählt vor allem Geschichten. So wie hier.

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