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„24 h Jerusalem“ bei Arte und BR : Zwischen den Fronten des Nahost-Konflikts

Unser Checkpoint: Israelische und palästinensische Regisseure blicken ganz unterschiedlich auf ein und dieselbe Stadt. Bild: © Maurice Weiss/OSTKREUZ/zero on

Unter schwierigen Bedingungen drehten mehrere Dutzend Filmteams die Dokumentation „24 Stunden Jerusalem“. Trotz Boykottaufrufen, Drohungen und Absagen läuft die Gemeinschaftsproduktion von Arte und BR nun im Fernsehen. Die Zuschauer können sich mit Videos beteiligen.

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          Gut zwei Jahre dauerte die Vorbereitung. Dann drohte das Projekt gleich zweimal zu scheitern. Einen Tag bevor es losgehen sollte, mussten im September 2012 die Dreharbeiten zu „24 h Jerusalem“ abgesagt werden: Das Gemeinschaftsprojekt der Sender Arte und Bayerischer Rundfunk war mitten in den Nahost-Konflikt geraten. Die Fronten zwischen Palästinensern und Israelis sind so verhärtet, dass selbst für einen einmaligen Dokumentarfilm, an dem Filmemacher beider Seiten mitwirken, monatelange Verhandlungen nötig sind, die an die bisher ergebnislosen Friedensgespräche erinnern.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der Film, der nach der 2009 gezeigten Dokumentation „24 h Berlin“ gedreht wurde, zeige nicht das wirkliche Jerusalem, das unter israelischer Besatzung stehe, lautete vor anderthalb Jahren der Vorwurf palästinensischer Boykottgruppen. Wie die internationale BDS-Kampagne („Boycott, Divestment and Sanctions“) lehnen es diese Palästinenser ab, ihre Beziehungen zu Israel zu „normalisieren“, solange das israelische Besatzungsregime andauere. Damals blieb es nicht bei Appellen an die palästinensischen Regisseure, Filmteams und Protagonisten. Einige von ihnen wurden bedroht. Am Ende zogen sich alle Palästinenser zurück. Die Produzenten stoppten daraufhin den Film, denn sie wollten keine Dokumentation, in der nur Israelis vorkamen. „Wir haben die Explosivkraft dieses Projekts und dessen politische Bedeutung in der Stadt unterschätzt“, sagt der Produzent Thomas Kufus im Rückblick.

          Geteilte Stadt, getrennte Teams

          Auch der zweite Anlauf im April 2013 schlug beinahe fehl. Dabei hatten die europäischen Planer versucht, aus ihren Fehlern zu lernen. Vertreter der deutschen Produktionsgesellschaft „Zero one film“ ließen sich von unabhängigen Institutionen beraten und erfüllten den Wunsch der Palästinenser, völlig getrennt von den Israelis zu arbeiten: Selbst bei kulturellen Projekten wollen immer mehr Palästinenser nichts mehr mit ihren israelischen Nachbarn zu tun haben, denen sie im Alltag auf der Straße begegnen.

          Jerusalem, eine Stadt geteilt von sichtbaren und unsichtbaren Mauern.

          In den vergangenen Jahren haben sie ihre Strategie geändert: Statt Israelis mit Steinen und Molotowcocktails zu bewerfen, setzt eine Mehrheit unter jungen Palästinensern auf gewaltlose Boykotte Israels, wie sie auch die BDS-Bewegung zu organisieren versucht. In Ramallah registriert man zufrieden, dass sich auch in der EU die Aufrufe mehren, israelische Siedler und ihre Produkte zu boykottieren, um dadurch Israel zu einem Rückzug aus den besetzten Gebieten zu bewegen. Westliche Hilfsorganisationen suchen mittlerweile verzweifelt nach Palästinensern, die noch bereit sind, zur Vorbereitung friedlicher Koexistenz mit Israelis zusammenzuarbeiten.

          „Kein palästinensisches Team sollte mit Israelis zusammenkommen, alle Termine und die Planung mussten getrennt stattfinden“, sagt Thomas Kufus über die Vorbereitungen zu den neuen Drehtagen im vergangenen April. Um ihre politische Unabhängigkeit zu beweisen, zahlte die Produktionsgesellschaft auch die finanzielle Unterstützung zurück, die die israelische Stadtverwaltung ihr gewährt hatte. Zum Schluss signalisierte sogar die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO, dass sie keine Einwände gegen den Film habe. Doch drei Tage bevor die Dreharbeiten beginnen sollten, brach ein neuer Sturm los: Im Internet und in Telefonanrufen wurden die palästinensischen Regisseure, Kameraleute und Protagonisten wieder als Vaterlandsverräter beschimpft und mit Gewalt bedroht. Ihre Filmkarrieren würden vorüber sein, wenn sie an der Dokumentation mitwirkten. Es folgten erste Absagen. „Wir müssen sehr vorsichtig und möglichst unauffällig sein. Wir wollen nicht unser Leben für ein Filmprojekt verlieren“, sagte damals Annan Barakat, der die mitwirkenden Palästinenser beriet. Schweren Herzens entschied er dann, dass sich die Palästinenser ein weiteres Mal nicht beteiligen sollten.

          Den Blick über die unsichtbaren Mauern wagen

          Doch es ging weiter. Die jeweils zwanzig Filmteams aus Israel und Europa (mit Regisseuren wie Andres Veiel, Dani Levy, Hans-Christian Schmid und Maria Schrader) setzten ihre Arbeit fort. Das führte dazu, dass ein großer Teil der Palästinenser ihren Rückzug überdachten. Sie wollten, dass in dem Film auch ihre Perspektive zu sehen ist. Da es Drohungen gegen Dreharbeiten in der Altstadt gegeben hatte, wurden kurzfristig Schauplätze in andere Viertel verlegt. In großer Eile ersetzte man Protagonisten, die nicht mehr bereit waren, ihre Geschichte zu erzählen; Filmteams wurden neu zusammengestellt. Statt nur an einem Tag drehten die Palästinenser dann an insgesamt drei Tagen. Regisseur Volker Heise erinnert sich, dass bis zuletzt das „Gespenst“ des Boykotts im Hintergrund gelauert habe. Dabei sei sein Ziel nie gewesen, den Konflikt „zu erklären oder zu glätten“. Seine Dokumentation vergleicht er lieber mit einem großen Puzzle: „Es versucht, ein großes Bild zu sein, und stellt fest, dass die Einzelteile nicht passen - und an den Bruchstellen wird es interessant.“

          Projektregisseur Volker Heise, hier mir Schauspielerin Maria Schrader: „An den Bruchstellen wird es interessant.“

          An solchen Reibungspunkten herrscht in der mehrfach geteilten Stadt kein Mangel. Das liegt nicht nur an der israelischen Mauer, die durch Teile der Juden wie Muslimen gleichermaßen heiligen Stadt verläuft. Für die deutschen Filmemacher war diese Mauer ein harscher Kontrast zu ihrer ersten Langzeitdokumentation. „24 h Berlin“ spielte in der Stadt, die nach dem Fall der Mauer wieder zusammenwuchs. Östlich der israelischen Sperranlage waren seit Anfang März mehrere zehntausend arabische Bürger wochenlang von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten, während im jüdischen Westteil der Stadt das neue Waldorf-Astoria-Hotel eröffnete. Die unsichtbaren Mauern, die mitten durch Jerusalem verlaufen, sind noch höher: Sie trennen nicht nur Juden und Araber, sondern auch Säkulare und Religiöse, Gläubige und Strenggläubige.

          Keine Gruppe stellt die Mehrheit. Gut 300 000 Arabern stehen 500 000 Juden in der Stadt gegenüber, die zu den ärmsten in Israel zählt. Unter den Juden stellen die Ultraorthodoxen ein Drittel der Bürger. Mit den Arabern haben sie eine Menge gemeinsam. Die meisten von ihnen sind arm und wollen mit den israelischen Behörden nichts zu tun haben: Strenggläubige Juden halten Distanz zum jüdischen Staat, von dem sich viele aber gern unterstützen lassen. Viele Araber lehnen es wiederum ab, an Kommunalwahlen teilzunehmen. Sie wollen damit zeigen, dass sie die israelische Herrschaft über ihre im Sechstagekrieg 1967 eroberten Viertel nicht akzeptieren, weil sie dort die Hauptstadt eines unabhängigen Palästinenserstaates gründen wollen. „24 h Jerusalem“ gelingt es, einen Teil der Einwohner, die sich sonst lieber aus dem Weg gehen, wenigstens in einem Film zusammenzubringen. Allerdings auch nur für einen Tag und eine Nacht.

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