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2008 : Jahr der Erwartung und Entwertung

  • -Aktualisiert am

Die gigantischen Summen, die im Nichts verschwanden, waren selbst für Börsianer unbegreiflich Bild: AP

Dieses Jahr ist das Jahr der Zahlen, so groß und ohne Verhältnis, dass Worte nicht mehr zu funktionieren scheinen. Das vollständige Verschwinden schier unvorstellbarer Summen legt den Verstand lahm und erniedrigt die Mehrzahl der arbeitenden Menschen. Zuversicht allein genügt nicht mehr.

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          Wieder eine Chance verpasst. Statt ein „Unwort des Jahres“ zu wählen, hätten die zuständigen Institutionen dem Land erklären sollen, worin 2008 sich von allen anderen Jahren unterscheidet: Es zählen die Worte nicht. Dieses Jahr ist das Jahr der Zahlen, Zahlen so groß und ohne Verhältnis, dass Worte nicht mehr zu funktionieren scheinen. Es ist das Jahr, in dem sich die Maßstäbe der Astronomie in die Alltagswelt einquartiert haben, und gerne hätte man statt des Unworts die „Unzahl“ des Jahres verbucht. Zum Beispiel jene fünfzig Milliarden Dollar, mit denen in den letzten Wochen des Jahres Bernie Madoff noch das schwarze Loch zuschüttete und Dutzende gemeinnützige Organisationen an den Rand des Ruins brachte.

          Die Abkoppelung der schieren Quantitäten der aktuellen Blase von jeder empirischen Vorstellungswelt ist elementar. Das ist natürlich keine Inflation; aber es ist eine Inflationserfahrung auf abstrakter Ebene. Die permanente, fast wöchentliche Überhöhung immer phantastischer werdender Zahlen, das vollständige Verschwinden riesiger Summen, die ursprünglich offenbar niemals vorhanden waren, im Nichts, der Bankrott ganzer Länder führen zu einer Entwertungserfahrung, die nicht kommunizierbar ist.

          Die gigantischen Zahlen nämlich legen die Sprache lahm und damit den Alltagsverstand, ja Rationalität überhaupt. Bestimmte toxische Finanzprodukte, darauf hat Warren Buffett unlängst hingewiesen, verlangen eine schriftliche Dokumentation von fast einhunderttausend Seiten. Kein Wunder, dass die Experten vom früheren Chef der amerikanischen Notenbank bis zum Sparkassendirektor davon reden, dass sie sich, in den Worten Alan Greenspans, was jetzt geschieht, „nicht haben vorstellen können“.

          Das Geld hat die Menschen erniedrigt

          In seinem Buch „Masse und Macht“ hat Elias Canetti gezeigt, wie der Kult der „großen Zahl“ in Bedrohungslagen regelrechte Selbstentwertungsprozesse in Gang setzen kann. Gefährlich, so Canetti, wird es, wenn „Menschen und Geldeinheit ineinanderfließen. Eines steht fürs andere, der Mensch fühlt sich so schlecht wie das Geld, das immer schlechter wird; und alle zusammen sind diesem schlechten Gelde ausgeliefert und fühlen sich auch zusammen ebenso wertlos.“

          Es gehört zur weihnachtlichen Botschaft, festzustellen, dass der Mensch nicht vom Geld alleine lebt und man nicht vergötzen solle, was nur Zahl und nicht Bedeutung sei. Genau so stimmt aber auch der Satz des Philosophen Hans Blumenberg, dass Geld zwar nicht glücklich macht, aber dem am nächsten kommt, was man Glückserreichung nennt. Die Art, wie im Jahre 2008 mit Geld umgegangen wurde, stellt objektiv eine nicht zu unterschätzende Entwertungsdrohung für die Menschen und ihren „way of life“ dar. Man braucht für diese Erfahrung keine eigene Inflationserinnerung. Es genügt, festzustellen, dass das Milliardenspiel um unverstandene Produkte und wohlverstandene Boni eine objektive Erniedrigung für die Mehrzahl der arbeitenden Menschen darstellt.

          Zuversicht allein genügt nicht mehr

          Geradezu rührend zu sehen, wie jetzt, angesichts der Unvergleichlichkeit der aktuellen Krise und der Abstraktheit der Zahlen, fast biedermeierliche Analogien gesucht werden. Die „Buddenbrooks“, so melden sogar die Fernsehnachrichten, sollen 108 Jahre nach ihrem Entstehen plötzlich die Globalisierung vorwegnehmen und die Krise der Finanzmärkte illustrieren. Der Unterschied liegt darin, dass die „Buddenbrooks“-Krise eine verstandene, die unsrige aber eine unverstandene und vielleicht nicht zu verstehende Krise ist. Und selbst der Verlust an sozialem Kapital, der in Thomas Manns Roman als Verfall einer Familie erzählt wird, taugt nicht zur aktuellen Anwendung. Der durchschnittlich von der Finanzkrise am meisten Betroffene in den Vereinigten Staaten ist ein erwachsenes Einzelkind, das für seine Eltern und seine eigenen Kinder zu sorgen hat; er stirbt keinen elegischen Hanno-Tod, sondern muss nach dem Ruin weitermachen.

          Diese Entwertungserfahrungen müssen nicht gleich im Schlimmsten enden. Es reicht, worauf der amerikanische Publizist David Brooks hingewiesen hat, dass sie ein Klima des Zynismus erzeugen. Der Zynismus, der als Folge der Rezession der siebziger Jahre entstanden sei, habe die amerikanische Gesellschaft über Jahrzehnte geprägt. Damals, so Brooks, „habe ein Viertel der Beschäftigten gesagt, sie würden die Produkte, die sie herstellen, nicht selber kaufen, weil sie so schlecht gemacht seien“.

          Dieses Jahr der gigantischen Zahlen ist eine Erfahrung der Wertlosigkeit für die Menschen. Man zählt in jeder beliebigen Höhe nach oben, in die Milliarden und mittlerweile in die Billionen; aber in Wahrheit ist es ein Zählen nach unten, denn nichts davon ist wirklich da. Rezessionen sind Phasen kollektiver Erwartungsverluste. Damit eröffnen sie aber auch die Chance kultureller Neudefinitionen. Wir müssen nicht mehr nur sagen, was wir nicht mehr erwarten können, sondern was wir angesichts verminderter Erwartungen unbedingt schaffen und bewahren wollen. „Zuversicht“ als Weihnachtsbotschaft reicht nicht. Es gibt einen Rettungsschirm, der wunderbarerweise alle zusammen und jeden Einzelnen rettet; einer, der immer funktioniert und die neuen Maßstäbe zwischen den großen und den kleinen Zahlen setzt: Bildung und Realismus.

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