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Zwanzig Jahre Zeitung im Internet : Schafft den Online-Journalismus ab

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Keine Redaktion hat das schonungsloser aufgearbeitet als die „New York Times“, eine der auch im Digitalen führenden Zeitungen dieser Welt. „Die ,New York Times‘ gewinnt im Journalismus, unser tägliches Produkt ist tief, breit, klug und ergreifend – wir haben einen riesigen Vorsprung vor der Konkurrenz“, heißt es in einem kürzlich fertiggestellten internen Report. „Aber gleichzeitig fallen wir in einem essentiellen Gebiet zurück: in der Kunst und Wissenschaft, mit unserem Journalismus Leser zu gewinnen. Wir haben noch nicht genug getan, um den Code der digitalen Ära zu knacken.“

Idealismus ist gefordert

Wohin wird die Entwicklung führen? Der Idealismus der frühen Jahre, der im Netz ein großes neues Transparenzmedium sah und im Online-Journalismus seinen Motor, ist einer Ernüchterung gewichen. Ob das Medium die Vernunft fördert oder eher dem Irrsinn Bahn bricht, ist derzeit noch nicht ausgemacht.

Die Journalisten haben ein Traummedium bekommen, mit dem ihre Verlage kaum Geld verdienen. Es ist noch immer ein Medium der Hoffnungen und Chancen, es ist das einzige Medium der Chancen: Die meisten Leser steuern heute eine journalistische Marke über das Internet an – und immer häufiger über mobile Kanäle. Bei der britischen Zeitung „Guardian“, die die Digitalisierung am weitesten getrieben hat, kamen am vergangenen Sonntag 65 Prozent der Zugriffe über mobile Geräte. Fehlt dem digitalen Gesicht die Attraktivität, verblassen auch die Marken langsam – und mit ihnen wichtige Stimmen der Vernunft.

Noch haben die Etablierten ihren Ruf; sie sind Marken, die selbst im Netz noch wie Donnerhall wirken – wenn sie denn das Netz wirklich ernstnehmen. Um durchzudringen, müssen sich Medien heute auf Kerntätigkeiten konzentrieren, die allesamt für etablierte Redaktionen eine Herausforderung darstellen. Exzellenten Stoff hervorbringen, ihn in überwältigender Opulenz aufarbeiten, geschickt über alle sozialen und nicht-sozialen Kanäle vertreiben und obendrein einen nicht gekannten Austausch mit dem Leser pflegen. Kurzum, sie müssen ein Feuer anzünden, an dem keiner vorbeikommt. Journalismus braucht in den nächsten Jahren das, was gute Redaktionen immer getragen hat: jede Menge Idealismus.

Medienkompetenz wichtiger als je zuvor

Noch immer sind die digitalen Erlöse aus dem Journalismus bei vielen Verlagen kümmerlich, doch es gibt Hoffnung. Werbung auf mobilen Geräten wird neue Erlöse bringen, die digitalen Ausgaben der Zeitungen gewinnen zahlende Leser und bringen oftmals viel mehr als von zu viel Wunschdenken getragene Bepreisungen dynamischer Websites. Hochpreisige Spezialangebote, wie sie etwa die amerikanische Seite „Politico“ für Lobbyisten offeriert, versprechen Erfolg.

Und die Leser? Sie haben in den vergangenen Jahren nahezu alles bekommen, was sie sich nie vorgestellt hatten. Informationen im Sekundentakt, ein unendliches Videoangebot, aufwendig recherchierte Storys in wunderbarer multimedialer Aufmachung, ganz umsonst und allzeit zugänglich, jetzt auch am Handgelenk oder in der Brille. Nun müssen sie nur noch eines lernen: mit dieser ungeheuren Informationsvielfalt auch umzugehen. Zu vertrauen, wem man trauen kann. Und zu misstrauen, wer Misstrauen verdient.

Keine Schule bringt das bisher den Kindern bei, keine Bildungsstätte den Erwachsenen, kaum ein Medium seinen Lesern. Allerorten herrscht verkehrte Welt: Die Kinder sind die Dozenten für Eltern und Lehrer, auch für Politiker und Manager. Die Erwachsenen müssen Internet lernen, noch immer. Es hat eine Revolution gegeben – doch viele Menschen laufen durch das Leben, als sei die Welt noch die alte.

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