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Zwanzig Jahre Zeitung im Internet : Schafft den Online-Journalismus ab

  • -Aktualisiert am
Nando.net, der Online-Auftritt der amerikanischen Lokalzeitung „The News&Observer“, 1999

Doch all das war nur Vorspiel. In den vergangenen fünf bis sieben Jahren – gleichzeitig mit dem Aufstieg der sozialen Medien – entwickelte sich das Netz von einem eher nachrichtlichen Medium zu einer gewaltigen Meinungsschleuder. Längst hat die Zahl der geposteten Kommentare die der Nachrichten übertroffen. Längst publizieren im Netz viel mehr Laien als Profis. Und längst nutzen bestimmte Profis das Netz unter dem Deckmantel des Journalismus, um Ideologie, PR, Desinformation und Verschwörungsphantasien zu verbreiten. Immer schwerer lässt sich Wahrheit von Dichtung und Propaganda unterscheiden.

Anfälligkeit für Desinformation

Dabei haben sich die Rezeptionsgewohnheiten grundlegend geändert. Noch bis vor wenigen Jahren liefen die Leser redaktionelle Websites gezielt an, wurden journalistische Produkte gezielt aufgesucht wie Neuigkeits-Tankstationen im globalen Netz. Doch mit dem Aufschwung des Mitmachnetzes konfigurieren sich heute immer mehr Nutzer ihre Informationsströme nach den eigenen Vorlieben. Orte des Journalismus werden nicht mehr bewusst angesteuert, sondern lediglich angezapft. Das wäre an sich noch kein Drama, wenn nicht die menschlichen Schwächen dazukämen. Eine der ausgeprägtesten ist die Vorliebe für Gleichgesinnte. Denn während das Netz gern als Debattenmedium tituliert wird, wird es doch, so zeigen Studien, von den meisten als Meinungsverstärker genutzt.

So bilden sich Meinungskanäle und regelrechte Meinungsblasen, jenseits der medialen Online-Angebote, oftmals in radikalen Spektren. Im meinungsgleichen Facebook-Zirkel, im selbstbestärkenden Twitter-Feed. Selbst durch E-Mail-Verteiler wird Information auf nie dagewesene Weise vorgefiltert und kanalisiert, so dass sich allerorten Gruppen Gleichgesinnter bilden, die zwar noch Artikel lesen, aber keine Bindung zu irgendeinem Hort des Journalismus haben.

Wenn etwa in einem redaktionellen Medium These und Gegenthese einander gegenüberstehen, wird der Disput im Netz zerteilt und nur das jeweils gefällige Stück mit den Freunden geteilt. Die amerikanischen Ultrakonservativen der Tea-Party-Bewegung sind Meister im Organisieren solcher Informationsströme; ohne diese Kunstfertigkeit wäre ihr Aufstieg kaum denkbar gewesen.

Noch nicht gut genug

So hat sich der Journalismus im Netz zwar dramatisch professionalisiert, gibt es Meisterstücke der multimedialen Erzählkunst, der Erklärung und der Debatte; aber dennoch verblasst die Deutungshoheit der Redaktionen. Journalismus wird zur Spielmasse von selbstkonfigurierten Deutungsströmen jenseits jeder redaktionellen Einbettung. Das mag man begrüßen, es führt aber unweigerlich zu einer Polarisierung der öffentlichen Meinung. Die Stimmen der Vernunft haben es schwerer, sich in dem ungeheuren Lärm des Online-Kosmos Gehör zu verschaffen.

Ein noch nie da gewesener Kampf um Aufmerksamkeit ist entbrannt, ein Kampf, dessen Dimension dem mahnenden „Postman“ Anfang der Neunziger nicht ansatzweise bewusst war. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen klassischen Medien und neuen, selbstkonfigurierten Informationskanälen. Anspruchsvoller Journalismus bedeutet heute nicht mehr allein die exzellente Recherche, der starke Artikel, das ganz besondere Angebot. Anspruchsvoller Journalismus muss sich vor allem auch Gehör verschaffen im kakophonischen Informationslärm der neuen Meinungswelt. Nur so wird es den klassischen Medien gelingen, neue Leser zu gewinnen und die alten zu halten.

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