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Zwanzig Jahre Zeitung im Internet : Schafft den Online-Journalismus ab

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Das digitale Abbild der Gesellschaft

Drudge launchte seinen Drudgereport und wurde als Enthüller der Lewinsky-Affäre berühmt, Rufus Griscom gründete in New York die erotisch angehauchte Popkultur-Seite nerve.com, die das knisternde Lebensgefühl in den Häuserschluchten Lower Manhattans wiedergab. Und die Technologiepostille Wired begleitet das Ganze mit hymnischen Storys. Unvergessen der Titel von 1997: „The long boom: We’re facing 25 years of prosperity, freedom, and a better environment for the whole world. You got a problem with that?“ Drei Jahre später platzte die Dotcom-Blase, vier Jahre später steuerten Terroristen gekaperte Passagierflugzeuge in die Türme des World Trade Center.

Zwischen Erotik und Popkultur: Nerve, 1998

Den Verlagsmanagern in Deutschland – ohnehin sehr skeptisch gegenüber dem Netz – kam der Zusammenbruch des Dotcom-Booms gerade recht. Sie hofften, dass der für ihre Geschäfte langsam bedrohlich werdende Spuk nun vorbei sei. Auch unter den Chefredakteuren des beginnenden neuen Jahrtausends gab es so gut wie niemanden, der das Medium auch nur halbwegs ernst genommen hätte. Über Jahre war den Online-Kollegen Herablassung gewiss, sie galten als Contentisten, Schmarotzer, Kannibalen oder Totengräber des Journalismus. Im Internet, so eine verbreitete Ansicht, werden die Menschen alles Mögliche suchen, aber niemals ernsthaften Journalismus. Welch ein Irrtum!

In den vergangenen zehn Jahren ist das Internet von einem digitalen Netzwerk zu einem weltverändernden Medium geworden, das mit großer Wucht die Lebensgewohnheiten einer ganzen Gesellschaft revolutioniert. Es hat sich in ein virtuelles Abbild menschlicher Existenz gewandelt – nur, dass alle Aspekte gleichzeitig vorhanden und sofort abrufbar sind. Tiefste Abgründe, die Banalitäten des Alltags und höchste geistige Errungenschaften liegen nur einen Mausklick voneinander entfernt – das menschliche Leben wird mehr und mehr zu einem medialen Ereignis. Zum Vorteil der Gesellschaft?

Unübersichtlichkeit im Netz

Journalismus im Internet, das ist auch die Geschichte einer rasenden Beschleunigung. Ein halbwegs relevantes Ereignis, ein politischer Umbruch, eine Katastrophe, ein spektakuläres Verbrechen ist heute in wenigen Stunden in den letzten Winkel der Welt vorgedrungen. Und so waren es diese Schlüsselereignisse, die Leser aus aller Welt auf das neue Medium aufmerksam machten, das so viel schneller als die Zeitung war und so viel hintergründiger als Radio und Fernsehen. Der Tod von Lady Di am 31.August 1997 war so ein Ereignis, bei dem Millionen das Internet als Informationsquelle entdeckten. Die Terroranschläge vom 11.September 2001 machten es endgültig zum Massenmedium. Von diesem Tag an lag der Verkehr auf den Nachrichtenseiten schlagartig auf einem doppelt so hohen Niveau und wuchs weiter exponentiell an.

Wer schneller wissen wollte, was los war, ging ins Internet. Wusste er damit auch genauer, was eigentlich geschah? Lange blieb Online-Journalismus ein von Nachrichten getriebenes Geschäft, und noch vor zehn Jahren galt als besonders erfolgreiche Redaktion, wer über Ereignisse zuerst berichtete. Das raubte Managern und Politikern die Wochenenden, weil die Antworten auf Enthüllungen nicht bis zur Montagszeitung warten konnten. Der Informationszyklus beschleunigte sich ungemein – und mit ihm die Aufregungswellen. Aktion, Deskription, Reaktion folgten immer schneller aufeinander. Die Folge: eine zuweilen hektische Aufgeregtheit, die dem Nachdenken nicht unbedingt förderlich war.

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