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Zwanzig Jahre Zeitung im Internet : Schafft den Online-Journalismus ab

  • -Aktualisiert am
Eine bessere URL kann man sich nicht sichern: News.com, 1996

Zweifel gab es auch schon: Kann eine Gesellschaft an zu viel Information ersticken? „Die Informationsschwemme, die die neuen Technologien über uns gebracht haben, ist insofern eine Tyrannei, als sie uns an der Konstruktion von das Leben bereichernden Erzählungen hindert, indem sie unsere Aufmerksamkeit ablenkt und die Kräfte verzehrt“, schrieb der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman: „Die Information ist zu einer Art Abfall geworden. Wir werden von Information überschwemmt, sind nicht mehr imstande, sie zu beherrschen, wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr.“

Austausch in Lichtgeschwindigkeit

Wann erschienen diese Zeilen? Sie stammen aus Postmans Werk „Wir informieren uns zu Tode“, einem Bestseller für alle Skeptiker des Informationszeitalters. Erschienen war er 1992, bevor das Internet zum Massenmedium wurde und ein Jahr bevor der amerikanische Student Marc Andreessen, damals 22, an seinem Institut den Mosaic-Browser für eine bessere Darstellung des Dokumentendschungels schuf – und damit das rasende Wachstum der Online-Welt erst einleitete. Doch Postman irrte. Hätte er recht gehabt, wären wir heute alle mausetot.

Journalismus im Netz ist vor allem die Geschichte einer unglaublichen Explosion des Angebots, der Vielfalt, auch der Gleichzeitigkeit. Es begann mit Nachrichten. Als erster ernsthafter News-Service im WWW gilt der längst vergessene Dienst Nando.net, die Online-Seite der amerikanischen Lokalzeitung „The News&Observer“ in Raleigh, North Carolina, einem Technologiezentrum an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Weit vor CNN oder der BBC versorgten die Redakteure ihr Publikum online mit lokalen und globalen Nachrichten. Im Herbst 1994 hatten die ersten europäischen Verlage ihre Angebote im Netz freigeschaltet, im Oktober der „Spiegel“ mit „Spiegel Online“ als erstes Magazin weltweit.

Spiegel Online in der Aufmachung von 1996.

Startkapital: 50000 D-Mark und die kostenlose Leidenschaft von ein paar Redakteuren. Erst ein paar Tage später erschien das amerikanische „Time“-Magazin im Internet. Die Begeisterung der Amerikaner war von Anfang an größer als in Europa, wie so häufig, wenn es um verheißungsvolle Innovationen geht. Ihr Einsatz betrug ein Vielfaches, es war der Beginn eines ungeheuren Booms, der Glücksritter und Geschäftemacher anzog wie das Licht die Motten. Der globale Austausch von Neuigkeiten und Wissen beschleunigte sich schlagartig auf Lichtgeschwindigkeit.

Vereinzelt exklusiv

Es war die Zeit des Online-Idealismus: Die Vordenker träumten von einer neuen Form des Journalismus, der sich jenseits der Autoritäten entwickeln würde, jenseits lästiger Chefredakteure und Verleger. „Jeder Bürger ist ein Reporter“, rief der Amerikaner Matt Drudge, einer der ersten prominenten Blogger. Ganz so, wie Joseph Beuys ein paar Jahrzehnte zuvor alle Menschen zu Künstlern erklärt hatte. Doch obwohl die Zahl der Blogger wuchs, blieb ihr Einfluss begrenzt. Meinungsführer blieben zumeist die alten Köpfe der etablierten Redaktionen, deren Artikel die Online-Ableger von Zeitungen, Zeitschriften und TV-Sendern in das neue Medium hievten.

Nur in Amerika entstand eine nennenswerte Anzahl neuer Produkte mit hohem redaktionellen Anspruch. Während sich die Zeitungsredaktionen oft darauf beschränkten, ihren gedruckten Stoff umsonst online zu stellen, versuchten unabhängige Gründer neue Medien zu kreieren, die heute noch Bestand haben: die Technologieseite CNet, die sich die geniale URL news.com sicherte, die kalifornischen Online-Feuilletonisten von salon.com, die Microsoft-Gründungen msnbc.com und slate.

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