https://www.faz.net/-gqz-zqka

2. Das Penthouse : Die Selbstprovenzialisierung Berlins

Blick auf die Platte für sechstausend Euro im Monat: das „Palladio” an der Niederwallstraße Bild: F.A.Z. - Foto Christian Thiel

Von der Seite erinnert der Bau an die Terrakottatöpfe aus dem Baumarkt, die Mietpreise hier übersteigen die in den teuersten Vierteln von Paris: Mit einer Maklerin im Dachappartement des „Palladio“ in Mitte.

          „Fellini Residences“. Luxuswohnen im „Palladio“. Eigentlich kann man ahnen, wie das dann aussieht, die Namen der Dinge sagen ja sowieso meistens nur, was die so benannte Sache nicht ist; im Hanseatenweg gibt es kaum Hanseaten, auf Capri fahren keine Ford Capris, Polospieler haben nur sehr selten einen VW Polo - und wie viel Palladio im „Palladio“ steckt, hätte man sich denken können.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das „Palladio“ ist ein Neubau an der Ecke von Niederwallstraße und Kleiner Leipziger Straße, in dem es luxuriöse Wohnungen und eine Dachterrasse für „höchste Ansprüche“ gibt. Es ist mutig, in Berlin mit so etwas zu kommen. Als zum Beispiel vor sieben Jahren in der Berliner Torstraße das Haus „Torstraße 140“ in einen Block mit Luxusapartments umgewandelt wurde, gab es dort eine Party. Die geladenen Gäste trafen sich auf der Dachterrasse am längsten „Roof Pool“ Europas, nahmen sich ein Glas Champagner und traten an die Brüstung.

          Was sie von dort aus sahen, war die Linienstraße, das Dach eines unsanierten Plattenbaus aus DDR-Zeiten und, auf diesem Dach sitzend, sich selbst als Hartz-IV-Variante: Ein paar Männer ohne Champagner, ohne Pool, ohne Deck-Chairs, ohne Ray-Ban-Brillen, ohne weiße Gucci-Anzüge, ein paar Männer in Unterhemden, die - darüber war man sich auf dem Luxusdach nicht ganz einig - entweder freundlich oder drohend mit ihren Bierflaschen schwenkten und riefen: „Wir wollen auch mal baden“; woraufhin sich die Leute am „Roof Pool“ pikiert ein paar Meter weit zurückzogen, bis sie aus dem Blickfeld der Plattenbaubewohner waren. Es ist nicht einfach, einen auf Beverly Hills oder Fiesole zu machen, wenn die Welt, auf die man schaut (und irgendwie geht es bei Dachterrassen ja immer um den schönen Blick) so gar nicht mitmachen will. Und Berlin hat traditionell zu nichts so wenig Lust wie dazu, sich als Italien zu verkleiden. Das ist auch das Problem des „Palladio“.

          Tausend Euro mehr als im teuersten Viertel von Paris

          Die Maklerin des Immobilienbüros Petra Hubertus wartete unten vor dem Haus. Es ging um die oberste Etage, eine Wohnung mit 75 Quadratmetern Dachterrasse und vier Zimmern. Sie soll kalt 3750 Euro Miete im Monat kosten. Es gibt auch die Möglichkeit, das Ganze mit sechs Zimmern anzumieten, die Maklerin setzt für die Warmmiete selbstbewusste 5500 Euro im Monat an, zuzüglich 250 Euro für einen Stellplatz in der Tiefgarage. Das macht, bei zwei Autos (die man hier braucht, denn ernstzunehmende Läden gibt es hier zwischen den neuen Town-Houses an der Kurstraße und dem Außenministerium nicht) etwas über 6000 Euro pro Monat.

          Solche Mietpreise sind etwas Neues für Berlin und können sich auch international sehen lassen. Für rund 1000 Euro weniger bekommt man in Paris im teuersten Viertel, dem 16. Arrondissement, nahe Eiffelturm und Trocadéro, ein fast genauso großes Apartment in einem stilvollen Altbau aus der Haussmann-Zeit (wer es genau wissen will: einfach unter www.acheter-louer.fr nachschauen). Was bekommt man für ein paar hundert Euro mehr in Berlin, im „Palladio“?

          Erstens

          Einen Ausblick, wie man ihn in Paris nicht hat, nämlich: Vor den Fenstern einen gähnend leeren Platz mit verbranntem Rasen; links einen DDR-Verwaltungsbau; rechts einen DDR-Plattenbau, dessen Fenster wie böse viereckige Augen auf die Dachterrasse starren. In bequemer Hörweite donnert dahinter die lärmende, hier sechsspurige Leipziger Straße vorbei.

          Zweitens

          Ebenfalls anders als in Paris: „Eine Deckenhöhe von drei Metern“, wie auf der Website der Maklerin erfreut erwähnt wird. Drei Meter: Das sind gerade 48 Zentimeter mehr, als ein herkömmlicher Plattenbau bietet. Wie gesagt, es gibt, in Tokio, wo der Platz kostbar ist, tatsächlich Luxusapartments mit solchen Deckenhöhen, und vielleicht war es die Idee der Architekten des „Palladio“, den Bewohnern das euphorisierende Gefühl zu vermitteln, einen Ort zu bewohnen, an dem jeder Quadratzentimeter Gold wert ist. Nur die Plattenbauten, die Leipziger Straße, der leere Platz vor der Tür wollen bei diesem lustigen Spiel eben nicht so recht mitmachen.

          Drittens

          Die Fassade des „Palladio“. Sie sieht aus, als hätte jemand mit einer gigantischen Planierwalze Schinkels Friedrichwerdersche Kirche plattgefahren und das Ergebnis senkrecht hingestellt. Von der Seite erinnert der Bau an die Terrakottatöpfe, die es im Baumarkt zu kaufen gibt: Viereckig, gelbbraun, in jener Farbe gehalten, zu der die Einrichtungsberater der neunziger Jahre malvenfarbene Alcantara-Sofas gesellten. Mit dem Renaissancearchitekten Palladio hat das eher nicht so viel zu tun.

          Weitere Themen

          Dorfsheriff Eberhofer im „Sauerkrautkoma“

          Komödie im Ersten : Dorfsheriff Eberhofer im „Sauerkrautkoma“

          Die ARD füllt ihre Sommerpause mit „Sauerkrautkoma“, und das ist ein Glück. In der fünften Verfilmung der Provinzkrimi-Reihe von Rita Falk löst der Eberhofer Franz Kapitalverbrechen mal wieder ganz nebenbei.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Klimaschutz : Vertraut nicht den Verboten!

          Im Kampf um das Klima gibt es viele Einzelideen. Sie versperren den Blick auf das Notwendige: ein sinnvolles Gesamtkonzept. Dafür gilt: Lieber gründlich als überhastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.