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„1984“ : Kleiner Bruder

  • -Aktualisiert am

„Kleiner Bruder” Orwell als Wachsfigur Bild: dpa

Der Historiker Timothy Garton Ash bringt zum hundertsten Geburtstag George Orwells eine Liste von Spitzeln ins Gespräch, die der Antikommunist Orwell aufgestellt hat. Verdächtige sind etwa Charlie Chaplin oder der Schriftsteller J.B. Priestley.

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          Als die große Orwell-Edition vor fünf Jahren erschien, erregte die darin veröffentlichte Liste der kommunistischen Sympathisanten und fellow travellers, die der Schriftsteller kurz vor seinem Tod einer Gegenpropaganda-Abteilung des britischen Außenministeriums zur Verfügung stellte, besonderes Aufsehen (F.A.Z. vom 18. Juli 1998). "Orwell war auch ein Großer Bruder", empörte sich damals die Linke.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Nun ist diese Liste durch einen Beitrag des Zeithistorikers Timothy Garton Ash im "Guardian" zum hundertsten Geburtstag George Orwells wieder ins Gespräch gekommen. Ash ist eine Fassung dieser Liste zugekommen. Sie befand sich im Nachlaß von Celia Kirwan, der Zwillingsschwester von Arthur Koestlers Frau, die Mitarbeiterin des Information Research Department (IRD) war. Diese dem Außenministerium zugeordnete Abteilung hatte den Auftrag, der schleichenden sowjetischen Unterwanderung des Westens entgegenzuwirken.

          Orwell war mit Celia Kirwan befreundet. Er hatte ihr sogar einmal einen Heiratsantrag gemacht. Als sie ihn bat, ihrer Abteilung nützlich zu sein, zeigte sich Orwell, der seit seiner ernüchternden Erfahrung im spanischen Bürgerkrieg unverblümt Kritik am Kommunismus übte, nur zu bereit. Er schickte ihr die Namen von achtunddreißig Figuren, die ihm verdächtig waren, darunter Charlie Chaplin, der Historiker E.H. Carr, der Schriftsteller J.B. Priestley und drei Mitarbeiter des "Guardian". Sie standen alle auf einer sehr viel ausführlicheren Liste, die Orwell für seine eigenen Zwecke in einem Notizbuch führte. In der Orwell-Edition sind diese Aufstellungen publiziert.

          Die Erfindung des Kalten Kriegs

          Dort fehlen von der jetzt im "Guardian" groß aufgemachten Liste aus dem Kirwan-Nachlaß lediglich drei unwesentliche Namen, die der Herausgeber verschwieg, weil die Betroffenen noch lebten. Auch die Gedanken, die Timothy Garton Ash in seinem höchst widersprüchlichen Beitrag entwickelt, gleichen den Reaktionen vor fünf Jahren.

          Auf der Titelseite fragt der "Guardian", ob die Liebe zu Celia Kirwan Orwell zu einer "Regierungsmarionette" gemacht habe. Und Garton Ash spricht von einer beunruhigenden Entgleisung, die sich durch seine Krankheit und das Bedürfnis erkläre, Celia Kirwan zu gefallen. Es ist jedoch fraglich, ob sich Orwell, der den Begriff "Kalter Krieg" geprägt hat, anders verhalten hätte, wenn er nicht derart geschwächt gewesen wäre. Die jetzt wieder vorgebrachten Argumente sind bezeichnend für das, was die Asymmetrie in der Einstellung zu den Tyranneien der Linken und Rechten genannt worden ist. Garton Ash fragt selbst, wer sich daran gestört hätte, wenn es um eine Liste von Nazi-Sympathisanten ginge.

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