https://www.faz.net/-gqz-9zu6g

Joseph Ratzingers Wende : Er war schon immer der, der er wurde

Der junge Joseph Ratzinger provoziert auch noch den heutigen Reformdiskurs. Bild: dpa

Hermeneutik ohne Trauma: War 1968 wirklich das Scheidejahr, das Joseph Ratzingers Lebensweg in ein liberales Vorher und ein konservatives Nachher aufspaltete?

          5 Min.

          Zu den prägnanten Wortprägungen Joseph Ratzingers gehört die „Hermeneutik der Kontinuität“. Die Wendung ist längst ein umstrittenes Schlagwort bei der Auslegung des reformorientierten Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) – umstritten, weil ihr Gebrauch für die Deutung einer Kirchenversammlung, die etwa in der Frage der Religionsfreiheit die früheren Festlegungen des kirchlichen Lehramts grundsätzlich korrigierte, eine harmonisierende Übertreibung riskiert. Aber wie sieht es mit dem Verständnis der Biographie Ratzingers aus? Welchen Aufschluss kann die Hermeneutik der Kontinuität im Fall eines Einzellebens vermitteln?

          Je rasanter sein Aufstieg wurde, vom angesehenen, seine Hörerschaft faszinierenden Theologieprofessor zum römischen Glaubenspräfekten und schließlich zum Papst, desto selbstverständlicher unterzog man ihn eines Identitätstests, entlang der Frage: Ist er im Laufe der Jahre in seiner Denkungsart derselbe geblieben oder ein anderer geworden? Das ist freilich eine erstaunlich schlichte Art des Fragens. Als ließe sich das Ineinander von gedanklichen Kontinuitäten und Brüchen einer intellektuellen Biographie unter derart scharf geschnittene Alternativen bringen. Biographische Entwicklung gar als jäher Umschlag um einen entscheidenden Wendepunkt herum? So etwas gibt es in Reinkultur wohl nur in der Dramentheorie.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            im F.A.Z. Digitalpaket

          : Aktion

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Maskenpflicht in der Lombardei: Der Platz vor dem Mailänder Dom.

          Zweite Corona-Welle in Italien : Zwangseinweisungen ins Krankenhaus?

          Strandpartys, Fleischbetriebe und Quarantäne-Brecher machen Italien beim Kampf gegen das Virus zu schaffen. Einige Regionen fordern nun strikte Maßnahmen. Mit einer „Diktatur“ habe das nichts zu tun, heißt es etwa aus der Region Venetien.