https://www.faz.net/-gqz-6y4rr

„1912“ in Marbach : Es wuchern Butterblumen und Metastasen

Überwuchert von Glückssymbolen: goldener Optimismus auf dieser Neujahrskarte von 1912 Bild: DLA Marbach

Das Literaturarchiv Marbach unternimmt mit der neuen Ausstellung „1912“ präzise Tiefenbohrungen in den Permafrost der Geschichte. Die Atmosphäre diese fernen Jahres ist uns näher als gedacht.

          3 Min.

          Der Beginn des Ersten Weltkriegs, der das lange neunzehnte Jahrhundert auf einen Schlag beendete, gilt als Epochenschnitt. Es mag daher zunächst befremden, wenn das Deutsche Literaturarchiv in Marbach nun nicht die Zeit des Kriegsausbruchs, sondern stattdessen das Jahr 1912 in den Blick nimmt. Doch was vor hundert Jahren geschah, war nicht nur politisch hochbrisant. Es lag, wie Jakob van Hoddis’ Gedicht „Weltende“ zeigt, schon da ein mulmiges Gefühl von Zerstörung und Vernichtung über der Zeit - eine Atmosphäre, die uns heute beunruhigend vertraut scheint.

          Gottfried Benns „Kleine Aster“ in „Morgue und andere Gedichte“ von 1912
          Gottfried Benns „Kleine Aster“ in „Morgue und andere Gedichte“ von 1912 : Bild: DLA Marbach
          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Zwar feiert sich Berlin als boomende Hauptstadt, das Land ist führend in Wissenschaft und Technik. Die Wolken aber werden immer schwärzer: Während sich zwischen Europas Staaten die Konflikte zuspitzen und in China nach mehr als zweitausend Jahren das Kaiserreich abgeschafft wird, kollidiert im Polarmeer das größte Schiff der Welt mit einem Eisberg, während Robert F. Scott den Südpol erreicht und nicht mehr zurückkehrt. Zugleich tanzt man, obwohl von Vatikan und Kaiser verboten, überall in Europa Tango, und der Mond bricht auf einem Werbeplakat für Glühbirnen in Tränen aus, weil er nicht mehr als Einziger die Nacht erleuchtet. So sieht der Bilderbogen der Geschichte aus, den man sich dazudenken muss, wenn man in Marbach dem orangefarbenen Streifen durch die abgedunkelten Ausstellungsräume folgt.

          Erst wird getippt, dann verziert

          Die fluoreszierende Spur am Boden führt weder zu Titanic-Modellen noch zu Pappaufstellern von Gerhart Hauptmann, dem Literaturnobelpreisträger von 1912. Die Kuratoren Felicitas Hartmann, Yvonne Schweizer und Thomas Thiemeyer wollen anhand ausgewählter Archivfunde Probebohrungen in den Permafrost der Geschichte durchführen. Was sagt uns der erste Liebesbrief von Kafka, den er per Schreibmaschine tippt, über die Gefühle vor hundert Jahren? Welche Erinnerung evoziert ein Bildband, der Nijinsky zeigt, wie er sich im „Nachmittag eines Fauns“ geometrisch verrenkt? Welches Stilempfinden steckt hinter der „Ermordung einer Butterblume“, die der Psychiater Döblin als Hinrichtung am Wegesrand schildert?

          Ernst Ludwig Kirchner fotografierte Alfred Döblin um 1912/1913
          Ernst Ludwig Kirchner fotografierte Alfred Döblin um 1912/1913 : Bild: DLA Marbach

          Wie durch ein Wurmloch schicken gläserne Schaukästen den Betrachter auf eine Zeitreise. Nicht das große Ganze will man in den Blick nehmen, sondern verborgene Korrespondenzen, sakral ausgeleuchtet. Acht zentrale Exponate, durchaus eigenwillig gewählt, werfen leitmotivisch Schlaglichter auf das Jahr: Apollinaires Gedicht „Zone“ findet sich neben einem Tagebucheintrag von Harry Graf Kessler sowie einer Zeichnung Erwin Loewensons und „Untertan“-Notizen Heinrich Manns. In nachgeordneten Vitrinen werden die Funde mit ihrer historischen Umgebung konfrontiert. Kafka, der 1912 an „Amerika“ zu schreiben beginnt, steht längst nicht allein im Bann des neuen Mediums, wenn er an die künftige Verlobte tippt: „Wenn auch einmal meine Launen zu einem Brief nicht hinreichen sollten, so sind schließlich die Fingerspitzen zum Schreiben immer noch da.“ Doch Hofmannsthal, Schnitzler und Roda Roda fürchten, dass das stereotype Schriftbild ihre Individualität unterläuft, weshalb sie Schnörkel aufs Papier setzen.

          Ergänzt wird „1912“ durch eine Ausstellung zum Hundertsten der Insel-Bücherei sowie eine „fluxus“-Schau zu Hans Ulrich Gumbrechts Betrachtung „1926 - Ein Jahr im Kopf“. Ausgangspunkt aber war ein Vortrag des Romanisten Hans Robert Jauß, der das Jahr 1912 zum Annus mirabilis der Moderne erklärte. Anders als eine Rede steht eine Schau vor dem Problem der Auswahl des Materials. Ordnet man Autoren der Epoche zu, weil man sie für repräsentativ hält, oder hat man einen Epochenbegriff im Kopf, den bestimmte Autoren repräsentieren? In Marbach kommt Thomas Manns „Tod in Venedig“ nur am Rande vor, Tucholskys „Rheinsberg“ gar nicht. Dafür gibt es aus dem Kanon Benns „Kleine Aster“, die er in jenem Jahr veröffentlicht, in dem er zum „Dr.med.“ promoviert wird. Dass der Dichter den Seziertisch aus eigener Anschauung kennt, wird rasch klar. Doch ob sein Ordinationsschild tatsächlich von 1912 stammt, bleibt ungewiss.

          Das Schicksal der Bennschen Aster, die einem Toten zwischen die Zähne gesteckt wird, ist kaum tröstlicher als das von Döblins Butterblume. Wie im Wahn dahingemetzelt, wird sie dann aber auch in Marbach zum Sinnbild für die gesamte Literatur um 1912: Überall blühen Frühlingsblumen und wuchern zugleich Metastasen, stehen ornamentale Blütenranken neben streuenden Lungenkarzinomen. Auch wenn sich das, was kommen sollte, niemand vorzustellen vermochte, drängte das Bild vom drohenden Weltende in die Kunst - um mit dem Kriegsausbruch dann von der Wirklichkeit so grausam überholt zu werden.

          Stefan Zweig schreibt am 8. Januar 1912 an Anton Kippenberg
          Stefan Zweig schreibt am 8. Januar 1912 an Anton Kippenberg : Bild: DLA Marbach
          Heinz von Kliestow, „Fräulein Mutter. Betört - Verführt - Verlassen“, Berlin 1912
          Heinz von Kliestow, „Fräulein Mutter. Betört - Verführt - Verlassen“, Berlin 1912 : Bild: DLA Marbach
          Folge dem orangenen Streifen! Ein Blick in die Ausstellung „1912. Ein Jahr im Archiv“
          Folge dem orangenen Streifen! Ein Blick in die Ausstellung „1912. Ein Jahr im Archiv“ : Bild: DLA Marbach

          Weitere Themen

          Späte Anerkennung

          Antrag auf Weltkulturerbe : Späte Anerkennung

          Wer einen Friedhof anlegt, will bleiben: Die jüdischen SchUM-Stätten Speyer, Mainz und Worms hoffen auf den Eintrag ins Goldene Buch des Weltkulturerbes.

          Topmeldungen

          Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg an einem Covid-19-Patient.

          Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter auf 13,6

          Das Robert Koch-Institut hat 1919 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1608 Ansteckungen gelegen. Bildungsministerin Anja Karliczek drängt auf Impfungen aus Solidarität mit Kindern und Jugendlichen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.