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150. Geburtstag von Thoma : Polts Urteil

Vom Linksliberalen zum Antisemiten: Ludwig Thoma Bild: dpa

Ludwig Thoma erholte sich nie von seiner antisemitischen Reputation. Gerhard Polt will ihn zum 150. Geburtstag rein als Privatmenschen ehren. Doch gibt es hier eine klare Grenze?

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          Fünf Wiederholungen sendete das dritte Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks am Wochenende zur Feier des hundertfünfzigsten Geburtstags des Schriftstellers Ludwig Thoma. Die Werbung der Anstalt versprach: „Dessen pointierte Beschreibungen haben bis heute nichts von ihrem Humor verloren!“ Gilt das auch für folgende Beschreibung? „Jeder Gestank wird konserviert, der entsetzlichste Schmutz ist religiöse Einrichtung. Wanzen, Läuse, Flöhe kriechen und hüpfen um diese Menschen; in ganz Deutschland gab es keinen räudigen Hund, der so voll Ungeziefer war wie hier der reichste Jude oder der Rabbiner.“

          So schilderte Thoma in einem Artikel, der am 7. April 1921 im „Miesbacher Anzeiger“ erschien, die Eindrücke deutscher Soldaten in Galizien. Um die Pointen zu überprüfen, mussten die Leser des Blattes nicht von Bayern nach Polen fahren. „Die Söhne und Enkel dieser Aussätzigen – das ist Berlin W. Sie schloffen durch die Kloakenröhren in die Stadt, nisteten sich ein; heute gehört ihnen das Häusermeer hinter dem Tiergarten, heute gehört ihnen die Presse, das Theater, der Handel, die Kunst, das Gewerbe und – seit 1918 – das Regiment.“

          Wagner, ein Antisemit wie Thoma

          Von der wissenschaftlichen Edition der auch vorher nicht unbekannten antirepublikanischen Kampfartikel durch den Historiker Wilhelm Volkert im Jahre 1989 hat sich Thomas Reputation nicht erholt. Die Stadt München stellte 1990 die Vergabe der seit 1967 verliehenen Ludwig-Thoma-Medaille ein, für die der Bestsellerautor Hans Hellmut Kirst das Kapital gestiftet hatte.

          Auf einer Geburtstagsmatinee in Rottach-Egern erzählte jetzt Gerhard Polt, Empfänger einer der fünf Ludwig-Thoma-Medaillen des Jahres 1981, warum er damals, obwohl er erschüttert war, seine Medaille nicht zurückgegeben hat, anders als der Journalist Herbert Riehl-Heyse, mit dem er lange darüber beriet. Der Preis habe Thoma als Erzähler ehren sollen, nicht den Privatmenschen. Polt beklagte, dass sich im historischen Urteil unserer Zeit die Person vor das Werk schiebe: Wagner, ein Antisemit wie Thoma; Caravaggio, ein gesuchter Mörder; Konstantin der Große, der Mörder seiner Verwandten.

          Doppelmoral von Klerus und Obrigkeit

          Nach dem Entwurf des Statuts für die Ludwig-Thoma-Medaille sollten sich die Preisträger „im Sinne eines Ludwig Thoma durch ihre konsequent kritische Einstellung und damit zugleich durch bewusst fortschrittliche Forderungen verdient gemacht haben“. Goldmedaillenwürdig war „jede erdenkliche zeitkritische Kühnheit, gleichgültig mit welchen Objekten sie sich beschäftigt“. Entsprechend liest sich die Preisträgerliste: Golo Mann, Fritz Bauer, Carl Amery, Horst Stern, Herbert Achternbusch, Hans Küng, Franz Alt, Dieter Hildebrandt, Gerhard Mauz und als letzter Klaus Staeck.

          Konsequent, also fortschrittlich: Die in München damals geehrte „Einstellung“ einer absolut gesetzten Kritik an beliebigen Gegenständen verschmolz öffentliche und private Lebenssphäre. Dass Öffentliches und Privates nicht getrennt werden dürfen, war auch die Prämisse der Satiren, die Thoma zu Kaisers Zeiten berühmt machten: Das große Thema seiner Attacken war die Doppelmoral von Klerus und Obrigkeit. Die Urheberschaft der Artikel im „Miesbacher Anzeiger“ war den Zeitgenossen bekannt. Sie waren keine Privatäußerungen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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