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1284 neue Planeten entdeckt : Hinterm Horizont

Sternenhimmel über Brandenburg: Was ist dort draußen? Womöglich ein Ersatzplanet für uns? Bild: dpa

Jede Entdeckung unbekannter Planeten ruft einen Wunsch wach: Es möge noch andere belebte, also mit erträglichen Temperaturen und flüssigem Wasser ausgestattete Planeten geben. Woher kommt das?

          Der Himmel hat keine Rückseite. Es verhält sich mit ihm wie bei einem Horizont - man kann nicht um ihn herumgehen. Als Folge dieser Unhintergehbarkeit können den Himmel, wie der Soziologe Georg Simmel einmal festhielt, alle Menschen gleichzeitig sehen, zwar nicht genau dieselben Sterne, aber eben doch denselben Himmel, das „Allumschließende“ an ihm. Das macht ihn zum Symbol für das, was wir unter Welt verstehen. Denn auch für die Welt gilt, dass jeder Versuch, über ihre Grenzen hinauszugehen, den Bereich dessen, was zu ihr gehört, nur ausdehnt. Auch sie kann man nicht von außen betrachten.

          Soeben sind 1284 bislang unbekannte Planeten entdeckt worden. Das Weltraumteleskop „Kepler“, mittels dessen das geschah, suchte im Sternbild Schwan das All nach regelmäßigen Helligkeitsschwankungen ab. Planeten sind rund, sie sind von einer bestimmten Größe, und sie kreisen mehr oder weniger elliptisch um etwas, weswegen sie periodisch auch etwas verdunkeln. Die Auswertung solcher Abschattungen führte zum Befund der neuen Gestirne. Sie gehören allesamt - seit 1995 das erste entdeckt wurde, sind es jetzt mehr als dreitausend - nicht dem Sonnensystem an und heißen darum extrasolare oder kurz Exoplaneten.

          Künstlerische Darstellung des Kepler-Teleskopes

          Die menschlichen Gedanken kreisen ihrerseits seit Tausenden von Jahren mehr oder weniger elliptisch um die Bedeutung des Weltalls: astrologisch, astronomisch, philosophisch. Angeblich ist durch die kopernikanische Revolution zu Beginn der Neuzeit die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums versetzt worden. Es soll uns, so hört man oft, sehr gekränkt haben. Doch der Verlust an kosmischer, theologischer und ästhetischer Zentralität ging nicht mit einem an Bedeutung einher. Solange jede wissenschaftliche Erkundung der unfassbaren Räume nur auf immer weitere Gaswolken und Steinwüsten stößt, dehnt sich mit dem, was zu unserer Welt gehört, vor allem der Umfang dessen aus, was selbst eben keine Welt ist, sondern nach menschlichen Begriffen öd und leer.

          Zugleich ruft jede solche Entdeckung aber gegen zunehmende Unwahrscheinlichkeit den Wunsch auf, es möge noch andere belebte, also mit erträglichen Temperaturen und flüssigem Wasser ausgestattete Planeten geben. Woher kommt dieser Wunsch? Da wäre das Motiv, nicht allein im All sein zu wollen: Es ist interessant, dass dieser Impuls kaum mit Leben rechnet, das seinerseits in Ruhe gelassen werden möchte. Die Phantasie der Science-Fiction-Literatur, die jenem Wunsch folgt und ihn ausbuchstabiert, kommt in der Frage, womit bei Begegnungen eventuell zu rechnen wäre, insgesamt zu sehr gemischten Ergebnissen. Würde, weniger dramatisch und darum weit unterhalb ihrer Erzählschwelle, irgendwo draußen im Messbereich des Kepler-Teleskops auf einem Gestirn ein extrasolares Insekt nachgewiesen, änderte sich dann wirklich etwas an unserer Lage, der tatsächlichen oder der metaphysischen? Oder ist es nur der Umgang mit dem eigenen Planeten samt den zuweilen an ihn angeschlossenen Untergangsgefühlen, der den Gedanken an einen zweiten als eine Art kosmischer Reserve aufkommen lässt? Dann allerdings dokumentierte der Wunsch nach einer fernen Zweitwelt, die zumindest moralisch die Nebenfolgen von Zweitwagen und Zweitbooten kompensieren könnte, nicht viel mehr als Larmoyanz.

          Der Philosoph Hans Blumenberg, der wie kein Zweiter über die symbolische Bedeutung des Himmels, der Astronomie und der Raumfahrt nachgedacht hat, ist zu einer ganz anderen Antwort gekommen. In seinem Buch „Die Vollzähligkeit der Sterne“ (1997, postum) hat er jenen Wunsch nach belebten Planeten dem Begriff des Lebens selbst zugeordnet. Leben heißt Expansion. Auf der Erde hat es sich nicht ausgebreitet, weil es anders nicht ging, sondern weil Ausbreitung ihm innewohnt. Wer die vielen unwirtlichen Zonen unseres eigenen Planeten anschaut, kann sich an Tausenden Arten, Populationen und Siedlungen immer wieder vergegenwärtigen, dass es keine sinnhafte Begrenzung von Lebensbedingungen gibt. „Je unwahrscheinlicher sie für die Anwesenheit von Leben sind, umso wahrscheinlicher ist es, diese ebendort noch zu entdecken.“ Das, so Blumenberg, setze jeder skeptischen Einstellung gegenüber weiteren Fällen von Leben im Weltall intuitiv eine Grenze.

          Dem Wunsch nach anderen Welten entspricht dabei für den Philosophen das Bedürfnis des Menschen, seine eigene Existenz mitzuteilen. Diese Existenz hat selbst etwas Expansives. Dem Schaubedürfnis, aus dem einst das griechische Wort „Theorie“ hervorging, entspricht ein Zeigebedürfnis. Dem Teleskop korrespondiert der Funkspruch ins All. Wenn es andere Welten gäbe, wäre es schwer erträglich, sich ihnen nicht zu zeigen. Wir können oder wollen uns gar kein Leben vorstellen, das diesem Bedürfnis nicht entgegenkäme, indem ihm nicht daran läge, von uns zu erfahren. Diesseits aller astronomischen und biochemischen Neugierde könnte das die großen Anstrengungen erklären, die unternommen werden, um immer weitere Gestirne zu erfassen, die unsere Erwartung einstweilen enttäuschen.

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