https://www.faz.net/-gqz-p9pk

11. September : Sicherheit gegen Freiheit?

Sondervotum: Antonin Scalia Bild: AP

Im Krieg haben die Gesetze zu schweigen. Diesem Gemeinplatz, der seit dem 11. September wieder häufig bemüht wird, widerspricht ausgerechnet der konservative amerikanische Oberrichter Antonin Scalia.

          5 Min.

          Neun Jahre nach dem Fall der Bastille machte Kant die historische Bedeutung der Französischen Revolution an ihrer Wirkung auf die "Gemüter" der "Zuschauer" fest. Das "Experiment" des "geistreichen Volkes", sich selbst eine Verfassung zu geben, hatte auch bei denjenigen, die in das "Spiel" nicht "verwickelt" waren, eine "Teilnehmung dem Wunsche nach" ausgelöst, die an "Enthusiasm" grenzte - an jene Begeisterung, die das Jahrhundert der Aufklärung eigentlich zu fürchten gelernt hatte: die Selbstgewißheit der religiösen Fanatiker.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die weltweite Anteilnahme am Schicksal der Freiheit ließ sich durch das, was tatsächlich in Frankreich geschah, nicht zu sehr beirren, und ebendieses Überschießende des humanitären Enthusiasmus stimmte den Philosophen hoffnungsvoll. "Ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergißt sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte."

          Alle Menschen wurden Teilnehmer

          Markiert auch der 11. September 2001 eine Zäsur der moralischen Weltgeschichte? Der Schrecken von New York machte alle Menschen zu Teilnehmern. Auch wer in das von Bin Ladin eröffnete Spiel nicht verwickelt zu sein glaubte, weil der Angriff Amerika galt, wurde von einem Entsetzen erfaßt, das wie der Enthusiasmus geeignet ist, alle Sicherheiten des bürgerlichen Lebens zu zertrümmern.

          Der amerikanische Historiker Paul W. Schroeder hat am 30. August an dieser Stelle seine Auffassung dargelegt, der Zäsurcharakter der Anschläge werde übertrieben. Wie Ranke den Zusammenbruch des bourbonischen Staates aus der Dynamik des europäischen Mächtesystems herleitete, so ordnet Schroeder den 11. September in eine Normalität internationaler Unruhe ein, zu der seit Jahrhunderten auch die Irritation durch den Terrorismus gehört.

          Zerstörte Sicherheit: 11. September 2001

          Doch die Französische Revolution war eben nur, wie es Hans-Ulrich Wehler jüngst mit unübertrefflicher Präzision formuliert hat, "in mancher Hinsicht" das Resultat des von Frankreich verlorenen Siebenjährigen Krieges - in anderer Hinsicht nicht, und wer mit menschheitlichem Interesse hinsieht, kann sich immer noch über das Schauspiel der Selbstgesetzgebung begeistern. So läßt sich auch im Fall des 11. September die Erschütterung des Betrachters nicht durch Opferbilanzvergleiche relativieren. Die Ahnung, die Welt habe sich an diesem Tag verändert, ist auf Kräfte gerichtet, die der Staatsräson vorausliegen, mag die historische Mission staatlicher Vernunft auch die Bändigung dieser Elemente sein.

          Staatsgründung auf Furcht

          Der Massenmord aus dem Nichts hat ein Vermögen der menschlichen Natur zum Schlechteren aufgedeckt, das im bisherigen Lauf der Dinge in der Gestalt eines Hitler oder Stalin gleichsam lokalisiert war, seit dem 11. September aber eine allgegenwärtige Bedrohung bezeichnet, mit der jederzeit zu rechnen ist. Es gibt die These, nichts weniger stehe nun bevor als die Neuschöpfung des Staates, der schon einmal, zweihundert Jahre vor dem Ausbruch des Freiheitsenthusiasmus, auf ein universelles moralisches Gefühl gegründet wurde, auf die Furcht.

          Selbst ein so skrupulöser Analytiker wie der große Hobbes-Kenner Quentin Skinner, der Königliche Professor für Neuere Geschichte der Universität Cambridge, zeigt sich aufgeschlossen für diese kühne Lesart der Zeichen der Zeit. Er sieht die Geschichte des modernen politischen Denkens bestimmt durch den Streit zwischen zwei ersten Zwecken, der Freiheit und der Sicherheit. Auch wenn ihm als Bürger die innere Aufrüstung des britischen Staates unter Tony Blair unbehaglich ist, sieht er sich als Philosoph gehalten, dem Primat der Sicherheit Evidenz zuzusprechen.

          Die Kosten der Freiheit

          Unter Verwendung derselben Begriffe hatte sich schon drei Wochen nach dem 11. September Sandra Day O'Connor, Richterin am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, über die zu erwartenden Folgen des Ereignisses geäußert. Eine Letztentscheidung zwischen den konkurrierenden Werten unterließ sie - im Einklang mit ihrer Auffassung vom Richteramt, wonach das Hinausschieben harter Entscheidungen gerade der Sinn der richterlichen Entscheidungstätigkeit ist. Für den Gesetzgeber wie für die Gerichte, sagte sie voraus (F.A.Z. vom 2. Oktober 2001), werde die Frage sein: "An welchem Punkt überwiegen die Kosten für die bürgerlichen Freiheiten den Gewinn an Sicherheit?"

          Weitere Themen

          Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

          Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

          Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

          Topmeldungen

          Das Symbol der Türkei, weißer Halbmond und Stern auf rotem Untergrund.

          Syrien-Konflikt : Gut so, Wolfsburg!

          In der Türkei können VW und andere auch später noch Werke bauen – aber erst, wenn dort wieder Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Friedfertigkeit gelten.
          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.