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11. September : Fuhgeddaboutit: New York zwei Jahre danach

  • -Aktualisiert am

Bei Ground Zero, 9. September 2003 Bild: AP

Man hört sie so gern schimpfen: Die New Yorker erledigen ihre Erinnerungsarbeit auf robuste Art. Eine Art Normalität ist eingezogen in die Stadt, ein Aufschwung, der sich im Straßenbild aber noch nicht abzeichnet.

          Irgendwo in Manhattan sitzen dieser Tage dreizehn tapfere Amerikaner beisammen und wühlen sich durch einen Berg von fünftausendzweihundert Entwürfen. Aus aller Welt sind sie von berühmten Architekten und namenlosen Amateuren für eine Gedenkstätte an Ground Zero eingegangen. Um überhaupt berücksichtigt zu werden, muß jeder Vorschlag die Namen aller Opfer nennen und einen Ort für ihre sterblichen Überreste mit eingeplant haben.

          Das projektierte Mausoleum ist jetzt schon in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Nach einer grauenerregenden Rechnung der im Trümmerfeld einst tätigen Investigatoren sind mehr als zwölftausend Körperteile nicht zu identifizieren, auch nicht durch avancierteste DNA-Analysen. In weißen Tüchern luftdicht mumifiziert, sollen sie anonym auf Ground Zero beigesetzt werden. Den Kern des geplanten Mammutkomplexes, der die Folgen des Terrors mit stahlharten, glasklaren Gesten der Vitalität und Willenskraft, wenn nicht des Triumphes wegwischt, wird demnach ein Friedhof bilden. Für Manhattan, einen Stadtteil, der seit langem seine Toten jenseits von Brücken und Tunnel unterbringt und auch ihre Erinnerung nicht gerade mit zahlreichen Mahnmalen pflegt, verspricht das eine völlig neue Erfahrung zu sein.

          Gedenkrituale

          Das Echo des 11. September besteht aus derart widersprüchlichen Botschaften. Der Anschlag soll unvergleichbar sein, dem Wesen der Stadt aber nichts anhaben können. Bis ins Gedenkritual setzt sich die Ambivalenz fort. So wollen sich zum zweiten Jahrestag der Katastrophe die Medien in Zurückhaltung üben. Das Vorspiel im Fernsehen trumpfte jedoch schon beeindruckend auf, womit einmal mehr bewiesen wäre, wie schwer die Fließbänder der Erinnerungsindustrie zu stoppen sind. Auf dem Buchmarkt geht es dagegen tatsächlich gedämpft zu, was vielleicht damit zu tun hat, daß die 9/11-Literatur insgesamt nicht den erhofften Absatz fand. Im Land des positiven Denkens läßt sich auch der Rückblick auf den Schrecken allenfalls im aufmunternden Rahmen verkaufen. Den aufzuspüren ist, zumal wenn das militärische Engagement der Nation sich zusehends verdüstert, kein einfaches Unterfangen.

          Während nicht nur New York, sondern die Nation darauf achtet, daß die Bilder von der Ungeheuerlichkeit des Anschlags nicht verblassen, ist es für die kollektive Psyche so unerläßlich wie für die Wirtschaft, das aktuelle Bewußtsein mit angenehmeren Motiven zu versorgen. Dazu taugt der Verdrängungsprozeß besser als die peinvolle Erinnerungsarbeit. In New York ist das derzeit täglich zu erleben, bei jeder U-Bahn-Fahrt, jeder Einkaufstour. Die bedrückende Atmosphäre, die sich bis in die Straßenblöcke um Ground Zero ausdehnt, verflüchtigt sich schnell in der wieder trendig aufgemischten Restaurantszene von Tribeca. Etwas weiter nördlich und östlich, im Boutiquenviertel Soho und im derb-quirligen Chinatown, feiern Hektik und frivole Aggressivität, Geschäftssinn und Dreistigkeit ihre Rückkehr. Der Rest der Stadt scheint von Ground Zero gar nichts mehr zu wissen noch auch wissen zu wollen.

          Eine Art Normalität

          Was sollte vor zwei Jahren nicht alles ein Ende gefunden haben. Die Ironie wurde feierlich begraben, und jeglich selbstsüchtiges, herzloses Streben war angehalten, vor dem herzerwärmenden Geist unablässiger Güte und innigen Verständnisses zu kapitulieren. Um das Lokalidiom nicht zu vernachlässigen: Fuhgeddaboudit!

          Eine Art von Normalität ist, nach allzu langem Bangen, auch für die Wirtschaft der Stadt immerhin denkbar geworden. New York balancierte wieder einmal am Rande des fiskalischen Zusammenbruchs. Stimmen, die behaupteten, so prekär sei die Lage seit siebzig Jahren nicht gewesen, fanden zunehmend Gehör, und die entsprechenden Statistiken bestätigten das anschwellende Lamento. Ganz vorsichtig raunten die Diagnostiker nun in den vergangenen Tagen von einer möglichen Genesung des chronisch hinfälligen Patienten. Bürgermeister Bloomberg hat nach zähem Ringen mit dem Stadtrat und dem Staat New York einen Haushalt vorgelegt, der bei Kulturschaffenden ebenso wie bei Polizisten und Müllmännern, Feuerwehrleuten und Lehrern tiefe Seufzer der Erleichterung hervorrief. Nach einschneidenden Steuererhöhungen und Entlassungen wurden die vorgeschlagenen Kürzungen geradezu als erträglich empfunden.

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