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100 Jahre Osteraufstand : Als sich die Kinder der Nation erhoben

Nordirland war schon immer ein Land des politischen Wandbildes. Rund um das Jubiläum sprießen besonders viele neue Malereien rund um die Falls Road. Bild: dpa

Der Aufstand der Iren in Dublin jährt sich zum hundertsten Mal. Bis heute bricht seine nationalistische Rhetorik immer wieder durch. Doch Irland braucht die Versöhnung der Widersprüche.

          Ein ruhiger Sonntagabend in einem Dubliner Lokal, eine Woche vor dem großen Staatsakt zum Jahrhundertgedenken an den gescheiterten irischen Osteraufstand gegen die britische Herrschaft. Am Nebentisch ein, wie es der Kellner erläutert, soeben aus Übersee eingetroffenes Ehepaar in seinen Sechzigern, das sich angeregt über die Ereignisse jener Woche vor hundert Jahren unterhält, als hätten die Besetzung des Hauptpostamts von Dublin und anderer öffentlicher Gebäude der Stadt und die Proklamation der irischen Republik „im Namen Gottes und der verstorbenen Generationen, von welchen unser Land seine alte Tradition der nationalen Einheit erhält“, gerade erst stattgefunden. Der Mann bemerkt, dass ich in einem Buch über diesen Gründungsmythos der irischen Republik lese, und will wissen, welche der zahlreichen Gedenkveranstaltungen und Ausstellungen zu empfehlen seien. Daraus entwickelt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich herausstellt, dass der Mann, ein 1974 von Irland nach Kanada ausgewanderter Arzt, eigens für das Jubiläum in die Heimat zurückgekehrt ist.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Anders als viele Iren, die sich als Erben der Revolution verstehen, hat er keinerlei familiäre Beziehungen zu den vielfach als nationale Märtyrer und Gründerväter gefeierten Rebellen. Dennoch hat dieser schicksalsträchtige Jahrestag eine persönliche Bedeutung für diesen Mann, als markiere er einen Meilenstein in der eigenen Biographie. Während er über die Gestalten von damals spricht, wird der kultivierte Herr, der in den vielen Jahren der Emigration keine Spur seines irischen Akzents verloren hat, immer wieder von derart heftigen Emotionen überwältigt, dass seine Stimme von Tränen erstickt wird.

          Die „Kinder der Nation“ streiten sich ums Erbe

          Seine Erregung ist geradezu sinnbildlich für die von der Mythenbildung aller Parteien der politischen und sektiererischen Kluft geschürte Verwirrung der Gefühle, die der Osteraufstand bis heute in dem geteilten Land hervorruft, wo die Vergangenheit die Gegenwart ebenso prägt wie die Gegenwart die Interpretation der Geschichte färbt. Auch Audrey Whitty, die leitende Kuratorin des Irischen Nationalmuseums, das dem Osteraufstand eine um Neutralität bemühte Ausstellung, „Proclaiming a Nation“, widmet, ist sichtlich bewegt, wenn sie etwa davon spricht, was irische Frauen James Connolly verdanken, dem von sozialistischen Idealen beflügelten Mitunterzeichner der Proklamation, auf den, wie sie erklärt, der darin verankerte Satz über „Gleichberechtigung und gleiche Chancen für alle Bürger“ zurückgehe.

          Zwei Männer stehen am 31. April 1916 vor einer Barrikade der Nationalisten.

          Es gehört zu den vielen Paradoxien Irlands, dass sich die „Kinder der Nation“, als die das irische Volk in der pathetischen Sprache der Proklamation bezeichnet wird, um das rechtliche Erbe dieses polarisierenden Vermächtnisses streiten, aus dem alle ihre Legitimation beziehen wollen. Das hat der den irischen Nationalismus zwiespältig betrachtende Dichter William Butler Yeats bereits vorausgesagt, als er beklagte, dass künftige Generationen der irischen Politik ihren Anspruch auf elitären Status von der Anwesenheit eines Vorfahren beim Hauptpostamt herleiten würden, so wie Amerikaner versuchten, ihre Ahnenreihe bis zur „Mayflower“ zurück zu verfolgen.

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