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Zum Hundertsten von Louis de Funès : Unvergängliches Hirnsausen

Sosehr alles an der Persona „Louis de Funès“ vom ersten Moment des Erfolgs an zum Solo drängte, so klar war ihm, dass szenische Größe nur aus dem Zusammenspiel mit anderen gewonnen werden kann, und bei aller Extrovertiertheit verletzte er die dafür nötige Disziplin kaum je; ob neben Fernandel, Jean Gabin oder Michel Simon vor dem Durchbruch, ob danach neben Bourvil – die beiden verbesserten ihr in „Le Corniaud“ entwickeltes Zusammenspiel noch einmal deutlich für Gérard Ourys „La grande Vadrouille“ alias „Die große Sause“ (1966) –, neben Coluche – grandios in Zidis „L’aile ou la cuisse“ alias „Brust oder Keule“ (1976) – oder mit seiner langjährigen kongenialen Immer-wieder-Filmgattin Claude Gensac: Stets war das Interaktion vom Feinsten, und wenn ihm einmal gar nichts mehr einfiel, was er mit den anderen anfangen sollte, verhaute er sie eben – vor allem die physisch Größeren, die sich das gefallen liessen, weil er ihren Verstand überwältigte, nicht ihre Leiber (eine sehr komische, sehr tiefe Wahrheit übers Soziale steckt darin).

Bis heute starren wir ihn an

Und ebenso oft, wie er sie deckelt, inspiriert und befreit er seine Mitmenschen auch: Unvergesslich das gegenseitige Einanderaufstacheln der Eheleute de Funès und Annie Girardot in „La Zizanie“ oder der Vertreter für Feuerlöscher in „Jo“, der zunächst damit angibt, dass Jean-Paul Sartre zu seinen Kunden gehört, dann von de Funès bekaspert wird und danach das Produkt, das er verkaufen soll, als „Scheißdreck“ verflucht.

Wie passt der ganze Schamott nun zusammen? Braucht ein Schauspieler eine Werkidee? Vielleicht nicht. Aber bei all den Drehbucheinfällen, all den Regievolten, die andere zur Hinterlassenschaft von de Funès beitragen durften, den Rollen als Einbrecher, Polizist, Bauer, Direktor, Erfinder, Wirt, Feinschmecker oder Dirigent bleibt er einer Sache bis zu seinem Tod 1983 eisern verpflichtet: dem fortgesetzten Affront (man muss das Wort bellen, wie er es gekläfft hätte: „Affffront!“) gegen die Idee „Innerlichkeit“, gegen jede Ausrede angeblicher seelischer Komplikationen für ethisches Versagen. Das Menschenbild, das er malte, lebt vom Vorsatz, das Verhalten einer Person zur Kenntnis zu nehmen, um über sie zu einem gültigen Urteil – nicht selten: Also der oder die ist doch wirklich völlig bescheuert! – zu gelangen.

Was man sieht, ist das, was man kriegt: Das hat etwas von Aufklärung, schmeckt aber natürlich immer auch ein wenig nach Spießer. Liebe zum Beispiel ist in den Filmen, durch die dieser Mann rast, nichts ungreifbar Transzendentes, sondern die Chance, im konkreten herzlichen Umgang miteinander auszukommen, auch wenn beide, die es angeht, Käuze sind. Und Kunst, das ist bei de Funès nicht etwas, was in den Kunstschaffenden oder den Menschen im Publikum vorgeht, in den black boxes namens Inspiration oder Rezeption, sondern die sichtbare Mühe der einen und der unüberhörbare Applaus der anderen. Filme, die von weniger als einer halben Million Menschen gesehen werden, interessierten ihn nicht, sagte er oft und gern.

Wieso wir diesen Mann, zu dessen hiesigem Ruhm nicht zuletzt begnadete deutsche Synchronsprecher wie Klaus Miedel und Gerd Martienzen ihren Teil beigetragen haben, bis heute so anstarren? Weil das, was er treibt, um mindestens eine halbe Million Menschen zu verblüffen, lustiger, aufschlussreicher und sogar wahrer ist als alles, was uns ein Blick auf unseresgleichen oder in den Spiegel verraten könnte.

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