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Zum Hundertsten von Louis de Funès : Unvergängliches Hirnsausen

Der Unterschied zwischen Bourvil und de Funès war indes prononciert genug: Raimbourgs stattlich-normannische Erscheinung, sein leicht lädiertes Gebiss, sein antiintellektuelles und bescheidenes Auftreten, das Anstand wie Volkstümlichkeit ausstrahlte, entpuppte sich als ideale Vorlage für den anmaßenden Gauner und tückischen Wüterich, der da über ihn herfiel und ihn als Boten für eine Edelstein-, Edelmetall- und Drogenschmuggeltour missbrauchen wollte.

Eine Marionette, die ihre Fäden essen will

Die alten Tugenden, für die Bourvil stand, waren gerade dabei, sich angesichts einer neuen Zeit in Schwächen zu verwandeln: „Le Corniaud“ ist ein erz-westeuropäischer Nachkriegsfilm, in dem der neue Wohlstand auf dem Alten Kontinent beginnt, die erprobten Verhaltensnormen ins Rutschen zu bringen. Der treuherzige, bodenständige Bourvil fährt noch einen französischen Gebrauchtwagen und glaubt an das, was seiner Nation half, zwei Weltkriege zu überstehen – so ist er leider nicht gewohnt, sich seine Maßstäbe selbst zu setzen, was ihn seinem manischen Widersacher mit dem Amischlitten gegenüber allzu suggestibel macht: Der brave Mann will einfach für voll nehmen, was der kurze Teufel ihm einredet, auch wenn’s haarsträubender Quatsch ist.

Die Erschütterung des Traditionellen durch Verschiebungen im sozialen Gleichgewicht zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, modern und treu ist de Funès hier als ein Rudel Dämonen buchstäblich in den Leib gefahren: Eine zweideutige Duschszene mit einem Bodybuilder zeigt ihn, wie er seine eigene krumme Körperlichkeit mit den Händen prüft, sich abtastet und von seinem Leib enttäuscht ist wie von einem defekten Gerät; in einer anderen Szene erklärt und dirigiert er in einer Autowerkstatt pantomimisch und mit viel Maulaufreißen einem Mechaniker seinen Beruf.

Man hört nicht, was er brüllt, alles ersäuft in Orchesterlärm, und man begreift: Der neue Mensch ist eine Marionette, die ihre Fäden am liebsten aufessen würde. Was sich da ankündigte, war „progrès“, ein in den Siebzigern in Mitteleuropa auch in deutscher Übersetzung sehr beliebtes Wort, der „Fortschritt“ eben, teils als neues, partnerschaftliche Arbeitsverhältnis – noch 1978 zählte de Funès als Kino-Firmenchef beim Einschlafen seine Schäfchen: „Ein Arbeiter, zwei Arbeiter...“ –, teils als Industrialisierungsschub mit ganz neuen Maschinen.

Mit wem er nichts anfangen konnte, den verhaute er

Eh bien, die Technik! Gute Filmkomiker lieben den Nahkampf mit ihr. Ob Bob Hoskins einen gezeichneten Hasen beharkt oder Leslie Nielsen mit lebensgefährlichen Apparaten kämpft. Was hätte Louis de Funès doch für eine Freude daran gehabt, sich mit computergenerierten Bildern anzulegen! Weil’s derlei damals noch nicht gab, hat er sich stattdessen in Technospielereien wie „vorwärts filmen, rückwärts abspielen“ ausgetobt, zum Beispiel in Claude Zidis industriekritischer Scheppergroteske „La Zizanie“ alias „Der Querkopf“ (1978), in der er sich über eine Maschine freut, die Dreck aus der Atmosphäre saugt (man sieht deutlich: Sie hat ihn eigentlich ausgespuckt, aber das wird dann eben verkehrt herum gezeigt), oder in Jean Giraults Katastrophenkrimi „Jo“ alias „Hasch mich, ich bin der Mörder“, wo de Funès ein Geländer, das er hinuntergerutscht ist, schwerkraftverhöhnend wieder hochrutscht, so dass selbst der allzeit in sich ruhende Bernard Blier als Inspektor Ducros um Fassung ringt.

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