https://www.faz.net/-j00-a9j2q

Die Rede des Bundespräsidenten : „Es ist nicht die Zeit für Resignation und Selbstmitleid“

  • Aktualisiert am

Bild: Lucas Bäuml

Beim F.A.Z.-Kongress plädiert der Bundespräsident für mehr Pragmatismus im Kampf gegen die Pandemie – und verschweigt nicht, dass das zu Widersprüchen führt. Die Rede im Wortlaut.

          9 Min.

          Es hätte so schön sein können.

          Lieber Herr Kohler, als mich Ihre Einladung zum diesjährigen Leserkongress erreichte, da hätten die Herausgeber der FAZ, da hätten wir alle uns für heute – Mitte März 2021 – eine andere Wirklichkeit erträumt. Dass wir uns persönlich begegnen würden, und nicht nur digital.

          Dass wir Rückschau halten würden auf eine bis dahin halbwegs überstandene Pandemie – und voller Zuversicht vorausblicken auf ein Jahr des Neuanfangs, ein Jahr geprägt von Wahlen, von politischem Aufbruch und wirtschaftlicher Erholung.

          Ein wunderbarer Traum – doch das Aufwachen tut weh.

          Die Pandemie hat unser Land seit Monaten wieder fest im Griff. Seit November haben wir dramatisch wachsende Infektionszahlen erlebt – und vor allem erschütternd viele Todesfälle.

          Nach erneut viereinhalb Monaten Lockdown schien die Welle gerade gebrochen. Und erfreulicherweise sinkt die Zahl der Todesfälle weiter, aber die Entwicklung der Neuinfektionen geht wieder deutlich nach oben. Ein Widerspruch, der diese ungewissen Wochen prägt.

          Gewiss hingegen ist eins: Die Ungeduld ist riesengroß, die Unzufriedenheit greifbar. Der Lockdown zehrt an den Nerven. Nach einem harten Winter sind die Menschen der eigenen vier Wände überdrüssig. Wir wollen wieder unter Freunden und Kollegen sein, unbesorgt zur Arbeit gehen, in die Schulen und Universitäten. Wir wollen, dass die Restaurants, Geschäfte, Theater und Kinos wieder öffnen. Und auch ein Gespräch ohne Maske wäre eine Wohltat.

          Doch solange das Virus und seine Mutationen die Situation beherrschen, hält die Ungewissheit uns gefangen.

          „In einer solchen Situation ist Kritik unvermeidbar“

          Und je länger sie anhält, desto verzagter wird der Blick in die Zukunft. Wie wird die Normalität aussehen, in die wir zurückkehren wollen? Was wird geblieben sein von dem, was einmal war? Und was erwarten wir uns von einer neuen Normalität?

          In einer solchen Mischung aus Ungeduld und Ungewissheit ist Kritik unvermeidbar – aber auch unüberhörbar geworden: zu wenige Schnelltests, zu wenig Impfstoff. Zu spät bestellt, zu sparsam kalkuliert, sagen die einen, zu teuer eingekauft, sagen die anderen. Die Verteilung: mal ungerecht, mal schlecht organisiert. Der Staat: zu langsam. Die Verwaltung: veraltet. Digitale Lösungen: verstolpert.

          Nach den Erfahrungen der letzten Monate müssen wir eingestehen, dass unser Staat für eine solche Krise nicht überall ausreichend gerüstet war. Wir haben Krankenhäuser, Gesundheitsämter und andere Einrichtungen kosteneffizient ausgestattet, aber nicht mit einem Bewusstsein für die Gefahren einer kollektiven Krise vom Ausmaß der Corona-Pandemie.

          Zum Verdruss über große und kleine Versäumnisse tritt nun die Empörung über Abgeordnete des Bundestages, die sich in der Krise an der Krise persönlich bereichert haben. Ich teile diese Empörung.

          Man muss sich das vorstellen: Da nehmen Millionen von Menschen Einschränkungen hin, verlieren Einkommen, verzichten auf den Besuch bei Eltern oder Enkeln, auf Treffen selbst mit den engsten Freunden, ängstigen sich monatelang um die Gesundheit und das Leben ihrer Liebsten – und müssen dann hören, dass ausgerechnet Abgeordnete die Hand aufhielten, bevor der bescheidene medizinische Schutz in Gestalt von Gesichtsmasken die Menschen überhaupt erreichte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ellbogencheck: Boris Johnson und Angela Merkel im Juli dieses Jahres.

          Briten zur Bundestagswahl : Da herrscht das Chaos

          In Großbritannien blickt die Presse nicht allzu hoffnungsfroh auf die Bundestagswahl. Das hat viel mit dem kritisch betrachteten Erbe von Angela Merkel zu tun.
          Die Deutschen hängen an ihrem Bargeld. Doch immer mehr junge Menschen legen ihr Geld in Aktien an.

          Deutsche und ihr Vermögen : Der lange Abschied vom Sparkonto

          Das Geldvermögen der Deutschen ist groß wie nie. Die Sparer haben ihr Geld aber über die Jahre umgeschichtet. Vor allem bei Jüngeren gibt es einen bemerkenswerten Effekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.