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ESC-Vorentscheid : Ein Youtube-Star für Lissabon

Eine Lena war dieses Jahr beim Vorentscheid nicht dabei, im Gegenteil. Es traten fast ausschließlich gestandene Sänger und Musiker an. Das sich  ausgerechnet die aktuelle „Voice“-Gewinnerinnen Natia Todua als erste mit der wenigsten Punktzahl vom Traum, nach Lissabon zu fahren, verabschieden musste, hätte im Vorfeld kaum jemand gedacht. Die gebürtige Georgierin, die als Au-pair nach Deutschland gekommen war, wirkte allerdings mit ihrem „My Own Way“ wie eine Karikatur auf Amy Winehouse.

Ihr folgte bald Ivy Quainoo, die eine herausragende Stimme hat, aber einen schwachen Auftritt hinlegte. Dabei war sie eigens von New York, wo sie Schauspiel studiert hatte, wieder nach Berlin gezogen, um sich ganz auf den Vorentscheid und eine mögliche ESC-Teilnahme konzentrieren zu können.

Auch Ivy Quainoo war einmal „Voice“-Gewinnerin, 2012 hatte sie Michael Schulte im Finale noch geschlagen. Die Fünfundzwanzigjährige mit ghanaischen Wurzeln schlenderte dieses Mal aber fast gelangweilt über die Bühne, um die herum zwar Flammen aufstiegen, das Haus allerdings, das zum Lied „House On Fire“ abbrannte, war ein jämmerliches Holzgestellchen. Überhaupt wirkte alles eher klein und unglamourös, hatte der Austragungsort, das Studio Berlin Adlershof, den Charme einer besseren Turnhalle. Damit tat man den Kandidaten keinen Gefallen.

Geradezu grotesk wirkte die Nummer von Ryk, der eigentlich Rick Jurthe heißt. Der Hannoveraner, der Popmusik mit dem Hauptfach Gesang studiert hat, saß an einem schwarzen Flügel, auf dem sich eine Tänzerin räkelte und merkwürdige Pirouetten drehte. Dabei ist der Achtundzwanzigjährige ein erfolgreicher Komponist, sein „You And I“ würde als Musik zu einem Film über einen irischen Freiheitskämpfer oder schottischen Highlander passen. Aber zum ESC? Wirklich nicht.

Und dann gab es noch Xavier Darcy, geschult im Münchner Domchor. Er sei einfach ein Typ mit einer Gitarre, und genau so kam er auch rüber. Sein Auftritt wirkte wie ein erstes Vorsingen bei „Deutschland sucht den Superstar“. Falls sich der Zweiundzwanzigjährige den Vorjahressieger Salvador Sobral zum Vorbild nehmen wollte, nur weil der Portugiese wie ein Straßenmusikant daher kam, ging das gründlich schief. Sobrals Auftritt war pure Emotion gewesen, Darcy zupfte nur wild an seinem Instrument und schüttelte ungestüm seine Mähne, was wohl zeigen sollte, dass er alles gibt. Immerhin schaffte er es auf Platz zwei.

Bester Auftritt lief außer Konkurrenz

Blieb noch die bayerische Boygroup Voxxclub, die sicher als „Kracher auf Volksfesten und Skihütten“ bestens geeignet ist. Erfrischend anders war ihre rockige Volksmusiknummer „I mog Di so“, die, wie nicht anders zu erwarten, beim Publikum gut (zehn Punkte), bei den Jurys mit Blick auf ihre ESC-Tauglichkeit gar nicht gut (fünf und sechs Punkte) ankam. Trotzdem freuten sich die Zuschauer über diese muntere Truppe, die deutsch singt, weil sie nur so „authentisch rüberkommt“. Sie landeten am Ende auf dem vorletzten Platz.

Noch einer stand auf der Bühne: Mike Singer. Außer Konkurrenz, sonst wäre der Abend vielleicht ganz anders ausgegangen. Denn der Achtzehnjährige ist ein Superstar, vorläufig vor allem in Deutschland und fast ausschließlich in den sozialen Medien. Er hat 1,4 Millionen Follower auf Instagram. Am Donnerstagabend sang er „Deja Vu“ von seinem Album „Deja Vu“. Das war kein ESC-Moment, aber es waren die vielleicht besten drei Minuten des Abends. Der, so fand Elton, übrigens großartig war, großartige Stimmung! Mike Singer hätte ja auch zur Goldenen Kamera gehen können, tat er aber nicht, sagte Elton. Wer will denn auch schon zur Goldenen Kamera, fügte er noch hinzu.

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Mancher könnte sich im Nachhinein geärgert haben, dass er sich den Vorentscheid in der ARD und nicht die Übertragung der Verleihung der Goldenen Kamera im ZDF angesehen hat.

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